Ein Mann liegt im Bett - ein Digital-Wecker zeigt 03:06 Uhr. | picture alliance / PHOTOPQR/LA P

Uhren werden zurückgestellt Ein Drittel hat Probleme durch Zeitumstellung

Stand: 30.10.2022 02:03 Uhr

In der Nacht sind die Uhren umgestellt worden. Es geht zwar nur um eine Stunde - aber die macht immer mehr Menschen Probleme, zeigt eine Umfrage. Und auch Schlafmediziner würden die Zeitumstellung gerne abschaffen.

Jedes Jahr im Herbst und im Frühjahr fühlt sich ein großer Teil der Deutschen schlapper als sonst. Denn dann wird die Uhr umgestellt - und das macht immer mehr Menschen zu schaffen. Laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK klagen 32 Prozent der Deutschen über körperliche oder psychische Beschwerden nach der Zeitumstellung - der höchste Stand der vergangenen zehn Jahre.

81 Prozent derjenigen, die schon einmal Probleme nach der Zeitumstellung hatten, fühlen sich dabei schlapp und müde. 69 Prozent haben Einschlafprobleme und Schlafstörungen, 41 Prozent können sich schlechter konzentrieren, und 30 Prozent fühlt sich laut der Umfrage gereizt. Frauen leiden dabei mit 40 Prozent fast doppelt so häufig unter Gesundheitsproblemen nach der Zeitumstellung wie Männer (23 Prozent).

"Mini-Jetlag" mit gesundheitlichen Folgen

Dabei geht es doch "nur" um eine Stunde, könnte man einwenden. Wieso hat diese so große Auswirkungen? Alfred Wiater von der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin sagt, unser biologischer Rhythmus wird maßgeblich von äußeren Faktoren bestimmt. "Das erfolgt durch sogenannte Zeitgeber. Der wichtigste äußere Zeitgeber ist das Licht. Insbesondere der Blauanteil der Morgensonne unterdrückt das Schlafhormon Melatonin und fördert die Ausschüttung von Serotonin, wodurch wir aktiviert und positiv gestimmt werden." Durch die Umstellungen - vor allem im Frühjahr von Normal- auf Sommerzeit - werden "Anpassungsvorgänge nötig, die einem Mini-Jetlag entsprechen".

Auch unser Hormonhaushalt kann laut Wiater durcheinanderkommen. "Die Anpassung an eine neue Zeitzone regelt der suprachiasmatische Kern", so Wiater. Diese Hirnregion ist "unser wichtigster interner Zeitgeber und reguliert die täglichen Schwankungen der Körpertemperatur und die Freisetzung von Melatonin, Cortisol und Wachstumshormon". Kommt diese innere Uhr durch einen abrupten Wechsel der Uhrzeit durcheinander, müsse die Hormonausschüttung mühsam umgestellt werden. Wiater hat daher eine klare Meinung zur Zeitumstellung: "Dadurch wird die Bevölkerung regelmäßig unnötigen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt."

Uhren | dpa
Wann wird die Zeit umgestellt?

In Deutschland und vielen anderen Staaten geht an diesem Wochenende die Sommerzeit zu Ende. Um 3.00 Uhr in der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren um eine Stunde auf 2.00 Uhr zurückgestellt - die Nacht ist also 60 Minuten länger. Bis Ende März gilt nun wieder die Normalzeit, oft auch Winterzeit genannt.

Normal- besser als Sommerzeit

Das sehen auch die meisten Deutschen so. Fast drei Viertel sprechen sich in Umfragen für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus. Allerdings würde das auch starke Veränderungen der Zeiten des Sonnenauf- und -untergangs bedeuten, die sich umso gravierender darstellen, je weiter nördlich man ist. In Flensburg würde die Sonne bei dauerhafter Normalzeit im Sommer schon gegen 3:45 Uhr aufgehen und bereits um 21 Uhr hinterm Horizont verschwinden. Bei Beibehaltung der Sommerzeit würde es im Dezember in Flensburg erst um kurz vor 10 Uhr hell werden.

Wiater und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin befürworten die Beibehaltung der Normalzeit - also der Winterzeit. Auch eine Untersuchung der Universität Bologna kommt zu dem Ergebnis, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus durch die Umstellung im Frühjahr deutlich stärker gestört wird als im Herbst. Und eine Studie des schwedischen Karolinska-Instituts geht in den Tagen nach Umstellung auf Sommerzeit sogar von einem um etwa fünf Prozent höheren Risiko für einen Herzinfarkt aus.

Jüngere profitieren von Sommerzeit

Doch es gibt auch positive Einflüsse, vor allem soziologische und psychologische. So können die meisten Menschen die längeren Tage im Sommer wohl besser abends nutzen, etwa um Sport zu machen oder Freunde zu treffen. Auch Gastronomen bringt es mehr, wenn es in den Abendstunden länger hell ist, als wenn die Sonne schon um 4 Uhr morgens aufgeht.

Dahinter stecken auch unterschiedliche Bedürfnisse der jüngeren und älteren Generationen, wie der Arbeitsmediziner Volker Harth vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) erklärt: "Jüngere Menschen sind abends länger aktiv und schlafen daher morgens gerne länger, sind also vom Chronotyp eher Eulen. Je älter wir werden, desto eher verschiebt sich das morgendliche Aufstehen und das abendliche Einschlafen nach vorne - wir werden mehr zu Lerchen." Deshalb kommen Ältere besser mit der Winterzeit zurecht während Jüngere eher von der Sommerzeit profitieren. "Deshalb sind auch tendenziell mehr ältere Menschen für die Abschaffung der Zeitumstellung."

Schichtarbeiter viel stärker betroffen

Auch der Arbeitsmediziner betont, dass die Zeitumstellung Folgen für die Gesundheit der Allgemeinbevölkerung habe. Allerdings werde in der Diskussion oftmals übersehen, dass es in der Arbeitswelt Faktoren gebe, die viel stärker unsere innere Uhr und unsere Gesundheit beeinflussen würden, allen voran die Nacht- und Schichtarbeit. Rund 15 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind im Schichtdienst tätig.

Harth wirbt zugleich dafür, dass Arbeitnehmende in der Nacht der Zeitumstellung eine besondere Wertschätzung erfahren - in der sie oft unbezahlt eine Stunde länger arbeiten müssen. Zur Prävention von Schlafstörungen sei eine gute Schlafhygiene generell immer wichtig. So sollte im Schlafzimmer für eine ausreichende Verdunkelung gesorgt werden, damit der Schlaf erholsam sein könne, egal wie lange die Nacht dauert.

EU-weite Umfrage ohne Folgen

Bleibt dennoch Frage, warum die Regierungen sich des Themas Zeitumstellung nicht annehmen. Ein Problem dabei: Nötig sei eine europaweit verbindliche Regelung, sagen Politiker. Und in anderen Ländern scheint das Thema die Menschen nicht so zu bewegen wie hierzulande. Das zeigt auch eine nicht repräsentative Umfrage unter EU-Bürgern von 2018. 4,6 Millionen der etwa 450 Millionen EU-Bürger stimmten damals ab - und 80 Prozent waren für Abschaffung. Doch von den Teilnehmer kamen mit etwa drei Millionen die meisten aus einem einzigen Land: aus Deutschland.

Trotzdem hatte die EU damals versprochen, das Thema anzugehen. Doch seitdem ist wenig passiert: "Die letzte Diskussion hat 2019 stattgefunden", sagt Kommissionssprecher Adalbert Jahnz dem ARD-Studio Brüssel. "Der Ball liegt damit weiter im Spielfeld der Mitgliedsstaaten." Offenbar ist das Thema angesichts des Ukraine-Kriegs, der Klimakrise und der Pandemie auf der Prioritätenliste der Staats- und Regierungschefs abgerutscht.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Oktober 2022 um 16:00 Uhr.