Ein Schild mit der Aufschrift "Cour de Justice de l'union Européene" steht vor den Bürotürmen des Europäischen Gerichtshofs im Europaviertel auf dem Kirchberg in Luxemburg. | dpa

Urteil des EuGH Titandioxid zu Unrecht als krebserregend eingestuft

Stand: 23.11.2022 14:18 Uhr

2019 hatte die EU den Weißmacher Titandioxid in bestimmten Formen als krebserregend eingestuft. Einige Produkte müssen seitdem mit einem Warnhinweis versehen sein. Dagegen klagten einige Hersteller - und bekamen nun Recht vom EuGH.

Die EU hat den Weißmacher Titandioxid in Pulverform nach Ansicht des Europäischen Gerichtshofs zu Unrecht als krebserregend beim Einatmen eingestuft. Eine entsprechende Verordnung der EU-Kommission erklärte das Gericht für nichtig. Die Europäische Chemikalienagentur habe nicht alle Gesichtspunkte beachtet und daher eine nicht plausible Schlussfolgerung gezogen, teilten die Richter in Luxemburg mit. Die EU-Kommission sei dieser Schlussfolgerung gefolgt und habe damit den gleichen Fehler gemacht. Gegen das Urteil kann noch Einspruch eingelegt werden.

Titandioxid steckt beispielsweise in Wandfarbe oder Sonnencreme. Das Farbpigment steht in Verdacht, krebserregend zu sein. In Lebensmitteln ist Titandioxid seit Mitte des Jahres verboten. 2019 beschloss die EU-Kommission, dass der Stoff in Pulverform als krebserregend einzustufen ist, wenn er eingeatmet wird. Titandioxid wurde damit nicht verboten, musste aber mit einem Warnhinweis versehen werden. Dagegen hatten verschiedene Hersteller und Händler geklagt.

Ein Mann streicht eine Türzarge mit weiߟer Farbe. | dpa

Vor allem in Farben wird Titandioxid verwendet. Bild: dpa

Keine "intrinsische" Krebsgefahr

Eine solche Einstufung müsse auf zuverlässigen und anerkannten Untersuchungen beruhen, urteilte das EU-Gericht nun. Das sei hier nicht der Fall gewesen. Außerdem dürfe ein Stoff nur als krebserregend eingestuft werden, wenn er tatsächlich die "intrinsische Eigenschaft" habe, Krebs zu erzeugen. Titandioxid müsste also für sich genommen krebserregend sein. Der Ausschuss für Risikobeurteilung der Chemikalienagentur habe die Gefahr aber als "nicht intrinsisch im klassischen Sinn" eingestuft.

Denn die Gefahr für Krebs besteht laut Gericht nur bei bestimmten lungengängigen Titandioxidpartikeln, wenn sie in einem bestimmten Aggregatzustand, einer bestimmten Form, einer bestimmten Größe und einer bestimmten Menge vorhanden seien. Das reicht demnach für die Einstufung als krebserregend nicht aus.

Verboten in Lebensmitteln

Unberührt von dem Urteil bleibt aber das Verbot von Titandioxid in Nahrungsmitteln. Bis zum Sommer war die Substanz als Lebensmittelzusatzstoff E 171 zugelassen und auch in Lebensmitteln wie beispielsweise Backwaren oder Dragees enthalten. Es sorgt vor allem dafür, dass Produkte besonders weiß aussehen oder glänzen, wie etwa Kaugummis. Der Einsatz als Lebensmittelzusatz ist aber nun in der gesamten EU verboten.

Der Stoff kommt aber noch in zahlreichen weiteren Produkten zum Einsatz - und das sehr oft. Laut Umweltbundesamt werden allein in Europa mehr als eine Million Tonnen pro Jahr produziert. Etwa 90 Prozent davon werden als Weißpigment für die Herstellung von Lacken, Farben und Druckfarben sowie Kunststoffen und Papier verwendet. Der Rest kommt beispielsweise in Kosmetika wie Zahnpasta oder Sonnencreme und Arzneimitteln weiterhin zum Einsatz.

Zwar ist der Stoff in Cremes unproblematisch, da er laut Bundesamt für Risikobewertung nicht über die Haut aufgenommen wird. Jedoch sehen Beobachter vor allem den Einsatz in Zahnpasta kritisch. So erklärt beispielsweise die Verbraucherzentrale Hamburg, dass gerade Kinder Zahnpflegeprodukte oft herunterschlucken. Besonders problematisch seien dabei die besonders kleinen Nanopartikel. Diese stehen im Verdacht, in menschliche Zellen einzudringen und dort das Erbgut zu schädigen. Das stellte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit 2021 fest.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 23. November 2022 um 13:45 Uhr in den Nachrichten.