Wartezimmer einer Arztpraxis  | picture alliance / photothek

Kein Kinderwunsch Warum Sterilisation bei Frauen umstritten ist

Stand: 28.08.2022 10:58 Uhr

Saskia Rieger ist sich schon lange sicher, dass sie keine Kinder will. Doch für eine Sterilisation wollte ihre Frauenärztin keine Überweisung schreiben. Warum die Operation bei jungen Frauen umstritten ist.

Von Siri Warrlich, SWR Stuttgart

Ein Abend im August in Winnenden nahe Stuttgart: Saskia Rieger sitzt mit ihrem Freund Sascha Somiesky am Esstisch und blättert durch ein Fotoalbum. Korfu, im September 2021. Rieger im Sonnenuntergang, Somiesky auf einer Klippe. Reisen und Fotografie sind zwei Leidenschaften, die das Paar teilt. Rieger ist 28 Jahre alt, Somiesky 36. Dieses Jahr waren sie schon in Kalabrien und Zürich, im Herbst ist ein Roadtrip durch Marokko geplant.

"Das Reisen spielt für mich eine total große Rolle", sagt Rieger. "Meine Freiheit und Flexibilität, die möchte ich mir langfristig nicht nehmen lassen." Auch ihr Job im Vertrieb einer Unternehmensberatung ist Rieger wichtig. "Ich glaube, mit Kind könnte ich gar nicht Vollzeit arbeiten", sagt Rieger und zählt die Verpflichtungen auf, die sie mit Kindern verbindet: Den Nachwuchs für die Schule fertig machen, Mittagessen, Schulaufgaben, Arzttermine, Kinder durch die Gegend fahren, Abendessen.

Pille, Kupferkette - vieles ausprobiert

So möchte Saskia Rieger nicht leben. Schon seit Jahren ist ihr klar, dass sie keine Kinder will. Rieger nahm die Pille, später hatte sie eine Kupferkette. Bis der YouTube-Algorithmus ihr vor einigen Jahren ein Video über Sterilisation bei Frauen vorschlug. Schon damals dachte Rieger, dass das auch für sie ein guter Weg sein könnte. Später, mit 27, hatte sich daran immer noch nichts geändert. "Und deswegen war das für mich ganz logisch, dass eine Sterilisation die einzig richtige Möglichkeit für mich ist", sagt Rieger.

Sie fand ein Krankenhaus in ihrer Nähe, das die Sterilisation durchführt. Dafür brauchte sie eine Überweisung ihrer Frauenärztin, erinnert sich Rieger.

"Riesige Standpauke" bei der Ärztin

"Doch als ich in die Praxis der Frauenärztin kam, gab es eine riesige Standpauke", sagt Rieger. Noch im Empfangsbereich habe die Ärztin ihr gesagt, dass "kein vernünftiger Arzt mich in dem Alter sterilisieren würde". Sie wurde gebeten, die Praxis zu verlassen und mit ihrem Anliegen nicht wiederzukommen. "Ich habe mich total bevormundet gefühlt. Wieso kann ich als erwachsener Mensch mit Ende 20 nicht sagen, dass ich keine Kinder möchte? Wenn ich im gleichen Alter sage, ich bin schwanger, gratuliert mir jeder - obwohl das genauso eine Entscheidung für das ganze Leben ist", sagt Rieger.

Verein "Selbstbestimmt steril" berät Betroffene

Laut des Vereins "Selbstbestimmt steril" ist Saskia Rieger mit dieser Erfahrung nicht alleine. Sie höre oft, dass Gynäkologen eine Sterilisation bei jungen Frauen erstmal ablehnten, sagt die Leipzigerin Susanne Rau am Telefon. Rau hat sich selbst im Alter von 28 Jahren sterilisieren lassen. Zusammen mit anderen hat sie den Verein vor drei Jahren gegründet.

Im Netz bietet "Selbstbestimmt steril" eine Deutschlandkarte mit Ärztinnen und Ärzten an, die Sterilisationen durchführen. "Es gibt aber auch Praxen, die es zwar machen, aber nicht eingetragen werden wollen", sagt Rau. Sie vermutet dahinter Angst vor einem Imageschaden - zum Beispiel, wenn die Praxen auch Kinderwunschbehandlungen anbieten.

Der Bundesverband der Frauenärzte vertritt die Position, dass eine Sterilisation unter 30 Jahren nur durchgeführt werden sollte, wenn medizinische Gründe vorliegen. "Wenn zum Beispiel eine Krankheit vorliegt, die sich bei einer Schwangerschaft ganz erheblich verschlimmern würde, wenn eine Geburt eine erhebliche Gefahr darstellen würde, oder die Mutter schon vielfach geboren hat und die Sterilisation ausdrücklich gewünscht wird, ist eine Sterilisation als endgültige Maßnahme denkbar", schreibt der Verband auf Anfrage.   

Studie über Reue nach Sterilisation

Die Sorge ist, dass Frauen den Schritt später bereuen könnten. Bei einer Sterilisation werden die Eileiter einer Frau verschlossen oder teilweise entfernt. Es gibt keine Garantie, dass der Eingriff rückgängig gemacht werden kann - und der Versuch erfordert in jedem Fall eine weitere, aufwändige Operation.

Der Bundesverband der Frauenärzte verweist auf eine Studie aus den USA aus dem Jahr 1998. Mehr als 11.000 sterilisierte Frauen wurden befragt. Demzufolge bereute etwa jede fünfte Frau, die bei der Sterilisation jünger als 30 Jahre war, die Entscheidung später. Allerdings zeigen die Ergebnisse auch: Bei Frauen, die vor der Sterilisation keine Kinder bekommen hatten, war das Risiko der Reue am geringsten. In dieser Gruppe bereuten etwa sechs Prozent die Sterilisation später.

Marion Janke kennt das Thema. Sie leitet die Profamilia-Beratungsstelle in Stuttgart. "Wenn Frauen fünf bis sieben Adressen abklappern müssen, bis sie jemanden finden für eine Sterilisation, ist das eine Zumutung", sagt Janke. "Es ist nicht in Ordnung, dass es den Frauen so schwer gemacht wird."

Rieger fühlt sich befreit

Gleichzeitig versteht Janke aber auch Ärztinnen und Ärzte, die Bedenken haben. "Ob jemand Kinder möchte oder nicht, kann sich im Laufe der Zeit immer wieder ändern", sagt Janke. Alternative Langzeitverhütungsmethoden wie zum Beispiel die Hormonspirale hätten sich in den letzten Jahren stark verbessert. Wenn ein Arzt umfassend aufgeklärt und beraten habe, müsse die Entscheidung aber letztlich der Frau überlassen werden, findet Janke. Zahlenmäßig ist das Thema bei Profamilia in Stuttgart ein Nischenthema. Weniger als fünf Frauen im Jahr melden sich, weil sie keinen Arzt für einen Sterilisation finden.

Saskias Riegers Sterilisation liegt inzwischen mehr als ein Jahr zurück. Eine andere Gynäkologie-Praxis hatte ihr die Überweisung schließlich ausgestellt. Sie hat keine Angst davor, die Entscheidung eines Tages zu bereuen. Seit der Operation fühlt sie sich befreit. "Immer, wenn ich gefragt wurde, ob ich Kinder will, hieß es: 'Das kommt schon noch'", sagt Rieger. "Jetzt kann ich sagen: 'Nein. Ich habe mich dafür extra operieren lassen. Ich bin jetzt steril.' Das verleiht dem Ganzen einen anderen Ausdruck."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 10. Dezember 2021 um 22:03 Uhr.