Stecker vor einer Wandsteckdose | picture alliance / dpa

Abmahnung für Stadtwerke Zweiklassen-System bei Stromkunden

Stand: 14.01.2022 17:55 Uhr

Billigstromanbieter haben zuletzt Tausende Verträge gekündigt. Betroffene Verbraucher werden nun von regionalen Versorgern beliefert. Dafür verlangen diese oft viel höhere Preise als bei Alt-Kunden. Verbraucherschützer gehen dagegen juristisch vor.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Viele Stromkunden fühlen sich doppelt bestraft. Erst kündigten Billigstrom-Anbieter wie Stromio ihnen den Vertrag. Daraufhin wechselten sie in die Grundversorgung der regionalen Anbieter - und erlebten dort ihren nächsten Schock. Die regionalen Versorger hoben die Preise an - und zwar kräftig. Laut Berechnungen von Check24 haben 337 Grundversorger spezielle neue Tarife ausschließlich für Kunden eingeführt, die wegen der Kündigung durch andere Versorger nun auf die Ersatzversorgung angewiesen sind. Die Preise seien im Durchschnitt um rund 103 Prozent gestiegen, erklärte das Vergleichsportal gegenüber tagesschau.de.

Preise für Neukunden durchschnittlich verdoppelt

Ähnliche Beobachtungen hat die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bei einer Stichprobe von 23 regionalen Anbietern gemacht. 18 Unternehmen führten einen Neukundentarif ein. "Die Differenz zwischen Neukunden- und Bestandskundenpreisen beträgt dabei durchschnittlich mehr als das Doppelte", teilten die Verbraucherschützer gestern mit. Bei drei Anbietern mussten Neukunden, die wegen der Kündigung ihres Stromanbieters in die Grundversorgung rutschten, sogar 90 Cent je KWh zahlen. Durchschnittlich liegt in Nordrhein-Westfalen der Preis bei 34 Cent pro KWh.

Auch Verbraucherschützer aus anderen Bundesländern berichten über exorbitante Preissteigerungen der Grundversorgungstarife. So zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Hessen. Die Frankfurter Mainova, die jüngst Tausende gekündigte Kunden von Stromio und Gas.de in die Grundversorgung aufnahm, hat einen Neukundentarif eingeführt. Die Kosten für Gas sind für sie fast drei Mal so teuer wie für Bestandskunden. "Wir halten die unterschiedliche Bepreisung für Bestands- und Neukunden für sehr fragwürdig", heißt es von der Verbraucherzentrale Hessen.

Verbraucherschützer gehen gegen Stadtwerke vor

Die Verbraucherschutzzentrale von Rheinland-Pfalz kritisiert, dass die Versorger Kunden zweiter Klasse schaffen. "Wir halten eine Zweiklassen-Grundversorgung für systemwidrig und daher unzulässig", sagt Fabian Fehrenbach, Referent für Energierecht. Die Grundversorgung mit Energie sei Teil der Daseinsvorsorge. Die Preise müssten folglich für alle Kunden sozialverträglich gestaltet werden. Mit dem teuren Neukunden-Tarif strafe man diejenigen ab, die nach einem günstigen Anbieter gesucht und dann gewechselt haben.

Die Verbraucherschutzzentrale NRW hat die drei Versorger Rheinenergie, die Stadtwerke Gütersloh und WSW, eine Tochter der Stadtwerke Wuppertal, abgemahnt. "Bei allem Verständnis für die nicht ganz einfache Situation der Grundversorger - so geht es nicht", monierte Wolfgang Schuldzinski, Vorstand der Verbraucherzentrale. Die Benachteiligung von Verbrauchern, die ohne eigenes Verschulden in die Grundversorgung zurückfallen, sei rechtswidrig.

Geringverdiener "sind verzweifelt"

Schon jetzt würden sich täglich viele Betroffene bei den Verbraucherschützern melden. Sie seien verzweifelt über die immensen Gas- und Strompreiserhöhungen. Besonders Haushalte mit geringem Einkommen seien in Bedrängnis.

Sollten die Versorger nicht binnen einer Woche einlenken, will die Verbraucherzentrale NRW eine Klage einreichen. Zudem rief sie die regionale Energiekartellbehörde zum Handeln auf.

Stadtwerke wehren sich

Die abgemahnten Stadtwerke reagierten mit Unverständnis auf die Vorwürfe der Verbraucherschützer. "Wir spannen als Grundversorger Fangnetze für die Kunden auf, die durch das rücksichtslose Marktgebahren anderer Marktteilnehmer auf die Ersatzversorgung angewiesen sind", erklärte die Rhein-Energie gegenüber dem "Kölner Stadtanzeiger". Stromio & Co. hätten einfach ihre betriebswirtschaftlichen Risiken bei den Grundversorgern abgeladen und Kunden einfach herausgeworfen. Die Verbraucherzentrale NRW verlange jetzt, "dass wir alle unsere Kunden dafür bezahlen lassen, dass sich diese Stromvertriebler kundenfeindlich verhalten haben".

Die Versorger rechtfertigen die höheren Preise mit dem unerwartet großen Kundenansturm. Sie hätten Energie zwar langfristig eingekauft. Für die zahlreichen Kunden reiche die Menge aber nicht. Diese müssten sie nun teuer an den Terminmärkten nachkaufen.

Verbände verteidigen die hohen Tarife für Neukunden

Rückendeckung kommt von den Lobby-Verbänden. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) verteidigt die Einführung spezieller Tarife für Neukunden. Gerade die kommunalen Stadtwerke hätten vorausschauend geplant und könnten daher ihren Kunden Unsicherheit und noch größere Preissprünge ersparen, sagte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing.

Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) kritisiert die Verbraucherschützer. "Wenn die Grundversorger die neuen Kunden zum gleichen Tarif wie für die Bestandskunden aufnehmen müssten, dann steigen die Kosten für alle", erklärte Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae. Zudem müsse kein Kunde gezwungenermaßen in der Ersatzversorgung bleiben, der Tarif könne innerhalb eines Tages gewechselt werden. "Unseriöse Billigstrom-Anbieter erfüllen ihre Lieferverpflichtungen nicht und wälzen ihre hausgemachten Probleme auf die Grundversorger ab", sagte sie.

Mehr Kunden, teurer Einkauf von Strom

Die Grundversorger müssten für die betroffenen Kunden von heute auf morgen zusätzliche Strom- oder Gasmengen im Energiehandel einkaufen. In Regionen, in denen viele Kunden von Vertragskündigungen betroffen waren, könne der "teure kurzfristige Einkauf zusätzlicher Mengen und die dafür erforderlichen Sicherheiten" die Grundversorger in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen.

Laut Bundesnetzagentur haben im vergangenen Jahr 39 Energielieferanten in Deutschland die Lieferungen an ihre Kunden eingestellt. Das ist doppelt so viel wie in den Vorjahren.

Regionale Unterschiede

Übrigens: Nicht überall heben die Versorger die Preise an. In Hamburg zum Beispiel hat Vattenfall zahlreiche Kunden in die Ersatzversorgung aufgenommen und erhebt keinen Aufschlag. Die Neukunden zahlen den bisherigen Grundversorgungspreis.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. Januar 2022 um 23:16 Uhr.