Dunkle Regenwolken über den Hafenanlagen in Hamburg | dpa

Sachverständigenrat zur Konjunktur "Wirtschaftliche Lage bleibt fragil"

Stand: 11.11.2020 15:55 Uhr

Die Konjunktur stürzt nicht so schlimm ab wie befürchtet - so die Erwartung der Wirtschaftsweisen. Sie machen aber auch klar, dass es eine Prognose unter Vorbehalt ist: Entscheidend sei die weitere Entwicklung der Pandemie.

Angesichts der anhaltend kritischen Corona-Lage haben die Wirtschaftsweisen vor Rückschlägen für die Konjunktur in Deutschland gewarnt. Zwar hob der Sachverständigenrat seine Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr an. Wegen der steigenden Infektionszahlen sehen die Experten aber immer noch viele Risiken.

"Die Corona-Krise ist noch nicht bewältigt", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Lars Feld. "Durch die stark steigenden Infektionszahlen bleibt die wirtschaftliche Lage fragil." Für die weitere Entwicklung sei entscheidend, wie die Pandemie eingedämmt werden könne und wie sich die Wirtschaft im Ausland entwickele.

Der Sachverständigenrat übergab sein Jahresgutachten am Mittag an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung dürfte zur Erholung beitragen, so die Ökonomen. Allerdings sei es "nicht in allen Teilen zielgenau". Sie fordern die Bundesregierung zudem zu Strukturreformen auf. So müssten Defizite bei der Digitalisierung, im Gesundheits- und Bildungswesen sowie in der öffentlichen Verwaltung rasch abgebaut werden.

Rezession womöglich weniger schlimm als befürchtet

Aufgrund einer starken wirtschaftlichen Erholung im dritten Quartal rechnen die Wirtschaftsweisen für das laufende Jahr nun mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 5,1 Prozent. Das wäre in etwa auf dem Niveau des Einbruchs in der globalen Finanzkrise 2009. Im Juni hatte der Rat noch ein Minus von 6,5 Prozent für 2020 vorhergesagt. Die Wirtschaftsweisen sind damit augenblicklich etwas optimistischer als Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Finanzminister Olaf Scholz sah durch das Gutachten den Kurs der Bundesregierung bestätigt. "Die Wirtschaftsweisen geben uns recht: Die entschlossene Hilfspolitik zahlt sich aus", sagte der SPD-Politiker. Mit den massiven Hilfen sei es dem Bund gelungen, eine folgenschwere Abwärtsspirale zu verhindern.

Wachstum von 3,7 Prozent für 2021 erwartet

Die Prognose berücksichtigt nach Angaben der Sachverständigen den jüngsten Anstieg der Infektionszahlen sowie den Teil-Lockdown im November. Der Sachverständigenrat geht darin davon aus, dass die Zahl der Neuinfektionen mit begrenzten Eingriffen unter Kontrolle gehalten werden kann, dafür kein umfangreicher Shutdown wie im Frühjahr 2020 notwendig ist und die internationalen Lieferketten nicht wesentlich gestört werden. Es werde damit gerechnet, "dass die Wirtschaftsleistung insgesamt über den Winter stagniert".

Im kommenden Jahr erwarten die Wirtschaftsweisen ein Wachstum von 3,7 Prozent. Allerdings steht auch dies unter Vorbehalt: "Sollte es zu massiven Einschränkungen der Wirtschaftsaktivität ähnlich denjenigen im Frühjahr kommen, ist mit einem stärkeren Rückgang der Wirtschaftsleistung zu rechnen." Das BIP könnte im kommenden Jahr um einiges niedriger ausfallen als bisher erwartet. Der flächendeckende Shutdown und unterbrochene Lieferketten im Frühjahr hatten zu einem Einbruch der Wirtschaft geführt. Von Juli bis September aber war das Bruttoinlandsprodukt dann unerwartet stark gestiegen, und zwar um 8,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal.

Krise als Chance?

Der Sachverständigenrat geht außerdem davon aus, dass das Vorkrisenniveau frühestens Anfang des Jahres 2022 wieder erreicht wird. Die Krise könne aber auch eine Chance sein - nämlich, dass Firmen den digitalen Wandel vorantreiben und ihre Anstrengungen für mehr Klimaschutz erhöhen. Dafür seien aber klare Rahmenbedingungen nötig, so Feld. Eine Möglichkeit bestehe in einer Energiepreisreform, welche die EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms abschaffe und die Stromsteuer auf das europäische Minimum senke.

Der fünfköpfige Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berät die Politik. Die Experten werden umgangssprachlich auch als die Wirtschaftsweisen bezeichnet. Neben Feld gehören dem Rat auch Veronika Grimm, Monika Schnitzer, Achim Truger und Volker Wieland an.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. November 2020 um 17:00 Uhr.

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Moderation 11.11.2020 • 22:16 Uhr

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