Teile eines VW Passat werden im Karosseriewerk im Volkswagen Werk Emden von Roboter zusammengefügt | dpa

Prognose für 2020 Deutsche Wirtschaft mit deutlicher Delle

Stand: 23.06.2020 14:47 Uhr

Die Wirtschaftsweisen haben ihre Prognose für 2020 noch einmal deutlich nach unten geschraubt: Sie rechnen nun mit einem Minus von 6,5 Prozent. Für 2021 sieht das Gremium - ebenso wie die WTO - einen Silberstreif am Horizont.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat die Prognose für das laufende Jahr korrigiert. Die sogenannten Wirtschaftsweisen rechnen nun damit, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2020 um 6,5 Prozent schrumpfen wird. Im März war das Gremium noch davon ausgegangen, dass das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr um 2,8 Prozent schrumpfen würde - im schlimmsten Fall um 5,4 Prozent.

"Die Corona-Pandemie wird voraussichtlich den stärksten Einbruch der deutschen Wirtschaft seit Bestehen der Bundesrepublik verursachen", erklärte der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Lars Feld, in einer Videokonferenz. Damit reihte sich das Gremium ein in eine Reihe düsterer Prognosen.

Wie viele andere Ökonomen, Institute und Verbände sind aber auch die Wirtschaftsweisen zuversichtlich, dass Europas größte Volkswirtschaft schon im nächsten Jahr wieder auf einen Wachstumskurs zurückkehren wird. Für das Jahr 2021 prognostiziert der Sachverständigenrat 4,9 Prozent Wachstum. Allerdings: "Eine Rückkehr auf das Niveau des BIP vor der Pandemie ist nicht vor dem Jahr 2022 zu erwarten."

Lars Feld | dpa

Lars Feld ist der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen. Bild: dpa

Die Bundesregierung will die Wirtschaft mit einem 130 Milliarden Euro schweren Konjunkturpaket wieder in Schwung bringen. Union und SPD haben sich darauf verständigt, vorübergehend die Mehrwertsteuer zu senken und eine höhere Kaufprämie für Elektroautos zu zahlen. Zudem gibt es unter anderem Finanzspritzen für Familien und Kommunen.

Im ersten Quartal 2020 war die deutsche Wirtschaftsleistung nach Daten des Statistischen Bundesamtes zum Vorquartal um 2,2 Prozent geschrumpft - obwohl in dem Drei-Monats-Zeitraum von den Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus im Grunde nur der März betroffen war. Und die Erwartungen für das zweite Quartal sind düster - auch wenn mittlerweile etliche Einschränkungen wieder gelockert wurden.

"Im zweiten Quartal 2020 dürfte das BIP in Deutschland saisonbereinigt um knapp zwölf Prozent niedriger liegen als im Schlussquartal des Jahres 2019", schreibt der Sachverständigenrat. Die Produktion in der deutschen Industrie sackte auf den tiefsten Stand seit mehr als 20 Jahren.

Mehrere Branchen kämpfen ums Überleben

Der Inlandstourismus kam zwischenzeitlich fast komplett zum Erliegen, das Gastgewerbe kämpft nach Einschätzung des Branchenverbandes Dehoga ums Überleben. Etliche Ökonomen rechnen für das Gesamtjahr mit einem deutlichen Anstieg der Firmenpleiten.

Für den Euroraum rechnet der Sachverständigenrat mit einem Rückgang des realen BIP im Jahr 2020 um 8,5 Prozent und einem Wachstum von 6,2 Prozent 2021. Mit der Lockerung der coronabedingten Einschränkungen seit Mai fasse die Wirtschaft allmählich wieder Tritt, stellte das Gremium fest. "Zudem dürften sich die Stützungsmaßnahmen und beschlossenen wirtschaftspolitischen Konjunkturimpulse positiv auswirken", so der Wirtschaftsweisen-Vorsitzende Feld weiter.

Auch der Welthandel brach ein

Die Welthandelsorganisation WTO veröffentlichte ebenfalls eine Prognose: Demnach brach auch der globale Warenaustausch in der ersten Jahreshälfte wegen der Coronakrise im Rekordtempo ein. Er sei im ersten Quartal um drei Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurückgegangen und dürfte im ablaufenden zweiten Vierteljahr um 18,5 Prozent fallen, teilte die Organisation mit Sitz in Genf mit.

Hauptgebäude der WTO in Genf | dpa

Der Sitz der WTO in Genf. Bild: dpa

"Der Rückgang des Handels, den wir jetzt erleben, ist historisch gesehen beträchtlich - er wäre sogar der steilste, der jemals verzeichnet wurde", so Generaldirektor Roberto Azevedo. "Aber es gibt hier einen wichtigen Silberstreif: Es hätte viel schlimmer sein können."

Für 2020 insgesamt hatte die WTO im April ein Minus zwischen 13 und 32 Prozent vorausgesagt, dem 2021 ein kräftiges Wachstum von 21 bis 24 Prozent folgen soll. Durch die schnellen Reaktionen der Regierungen - die große Konjunkturpakete aufgelegt haben - sei das pessimistische Szenario für dieses Jahr unwahrscheinlich geworden, urteilte die Organisation.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juni 2020 um 13:00 Uhr.