Klaus Koehler, Kruna Savic und David T. Meyer. | Andreas Etter

Komödie über Wirecard-Drama Im lustigen Wirecartenhaus

Stand: 14.01.2022 14:59 Uhr

Der Wirecard-Skandal kommt auf die Bühne: Am Staatstheater Mainz hat "Villa Alfons" Premiere. Das Stück über den Wirtschaftsbetrug muss mit der Glaubhaftigkeit kämpfen - weil die Wahrheit so unglaublich ist.

Von Juri Sonnenholzner, SWR Mainz

Wirecard sollte Deutschland in der weltweiten FinTech-Branche Prestige verleihen. Dann aber wurde der DAX-notierte Finanzdienstleister zur gigantischen Peinlichkeit: für Wirtschaftsprüfer, für Aufsichtsbehörden, für Staatsanwälte, für Spitzenpolitiker. 23 Milliarden Euro Schaden, um ihre Ersparnisse gebrachte Kleinanleger sowie Whistleblower, die von deutschen Ermittlern ebenso wie von halbseidenen Gestalten ins Visier genommen wurden. Ein trauriges Armutszeugnis, das jetzt unter dem Titel "Villa Alfons" auf die Theaterbühne kommt. Als Komödie.

Juri Sonnenholzner

Für den Autor, den Dramatiker David Gieselmann, ist die Katastrophe als Komödie kein Widerspruch: "Die Handelnden einer Komödie wissen ja nicht, dass sie die Handelnden einer Komödie sind. Das ist ja gerade das Dramatische."

"Villa Alfons" am Staatstheater Mainz belustigt sich so auch nicht an den Opfern des Wirecard-Skandals, sondern am Sein und vor allem Schein der Banker. "Viel Bühnen-Komik entsteht aus der Konstellation, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer mehr wissen als die Person auf der Bühne - zum Beispiel vom Liebhaber im Schrank." Diese Konstellation machte sich Gieselmann im Falle von Wirecard zu eigen und zitiert eine Figur Woody Allens: "Komödie ist Tragödie plus Zeit."

Offene Wunden des Finanzskandals

Zeit heilt also alle Wunden derart, dass sich später darüber lachen lassen kann? Der Heilungsprozess im Wirecard-Skandal ist anderthalb Jahre nach dem Kollaps noch lange nicht abgeschlossen: Der zweite Mann von Wirecard, Asienchef Jan Marsalek - in der Inszenierung heißt er "Jens Marlicek" und wird gespielt von David Meyer -, ist weiterhin auf der Flucht mit internationalem Haftbefehl und Zugriff auf Millionen Euro. Gegen Vorstandschef Markus Braun - im Stück "Markus Schwartz" getauft und gespielt von Klaus Köhler - ist in der echten Welt noch keine Anklage erhoben worden. Die Unschuldsvermutung, die bis zu einer Verurteilung gilt, macht also für Wirecard-Opfer einen Abschluss mit dieser wahrhaftigen "bad bank" unmöglich. Die Wirecard-Wunde ist noch offen.

Trotzdem lässt es sich lachen über das, was sich in der titelgebenden "Villa Alfons" zuträgt, jener feudalen Unterkunft in einer der städtebaulich bedeutendsten Prachtstraßen Münchens und "alternativen Firmenzentrale", Schauplatz in echt und in der Aufführung. Mietpreis: 56.000 Euro. Im Monat. Hier trifft Marlicek obskure Gestalten, um für "Instacard", wie Wirecard im Stück getauft wurde, 25 Prozent jährliches Wachstum zu realisieren. Dafür heißt es Klitschen kaufen, Beamte der Aufsichtsbehörde BaFin täuschen oder einen gewissen "Karl-Theodor von und zu Schlechtental" eine Lobrede halten lassen.

Ensemble des Theaterstückes "Villa Alfons" im Staatstheater Mainz. | Andreas Etter

Die Absurdität der Wirklichkeit auf der Bühne: Das Ensemble von "Villa Alfons" im Staatstheater Mainz. Bild: Andreas Etter

Das Bühnenbild dominiert ein Dachs, groß wie ein Elefant und Sinnbild für den Deutschen Aktienindex. Ihn möchte Schwartz erklimmen. Denn: "Noch viel besser als Sex: Wir sind im deutschen Aktienindex", singt er von der Bühne. "Rein in den DAX", "raus aus der mediokren Sauce". Am Ende - so viel sei verraten - kommt er auch in den Dachs, sehr charmant inszeniert und anders als erwartet.

Wirecard schauspielerte. Das macht es einem Dramatiker einerseits leicht, sich die Denke der Protagonisten auszumalen, lebt das Theater doch genauso von Erzählungen aus einer Scheinwelt wie der Hochstapler: Der Zahlungsdienstleister kaufte Unternehmen in fernen Ländern überteuert als Kulisse für mehr Beinfreiheit in der Bilanz - nicht echt, aber beeindruckend; für den Theaterdonner auf dem Börsenparkett sorgten malerische Umsatzzahlen; und die Rollenbesetzung reichte bis hin zu testosteronbefüllten Box-Promotern, die gemeinsam mit Anwälten aber auch Staatsanwälten die Kritiker einschüchterten; oder einem leitenden Mitarbeiter fürs Grobe, der aus seinem Antisemitismus keinen Hehl machte.

Betrügereien mit theatralischem Gestus

"Zunächst haben wir den Text von David Gieselmann gelesen und waren absolut beeindruckt davon, was er sich da alles ausgedacht hat. Und dann haben wir erfahren, dass er sich das überhaupt nicht ausgedacht hat. Wir saßen da und waren absolut geschockt", erzählt Schauspielerin Kruna Savić, die als Journalistin Annegret Lopez wie eine Conférencière durch die Wirecard-Zeitreise führt.

Die Idee und Initiative, diesen unglaublichen Stoff auf die Bühne zu bringen, sei zunächst vom Staatstheater Mainz ausgegangen, erklärt Intendant Markus Müller: "Nach unserem Anspruch ist es wichtig, neue zeitgenössische Stoffe auf die Bühne zu bringen, gerade wenn uns Themen bewegen." Als das Haus dann Gieselmann um Umsetzung bat, sei er zunächst skeptisch gewesen aufgrund der komplizierten Finanz-Thematik. "Irgendwann aber habe ich gesehen, dass der wesentliche Gestus der Betrügereien rund um Wirecard eigentlich ein theatralischer ist - nämlich der des Behauptens. Bei Wirecard hat man Geschäfte, Gewinne, Firmen, Kapital, Konten und so weiter behauptet, auf der Bühne behaupten wir auch. Diese Parallele zu nutzen, hat mich gereizt."

"Das glaubt doch kein Mensch"

Diese Parallele droht vom Segen aber auch zum Fluch zu werden, sollte doch die Komödie kein Klamauk werden. Dass Wirecard zum Beispiel Schauspielerinnen und Schauspieler engagiert haben soll, die Bankbelegschaft spielten, damit Finanzprüfer glaubten, sie befänden sich tatsächlich in einer Bank, die Kapital für Wirecard verwaltet - das würde jedes vernünftige Lektorat sofort aus einem Stück streichen, schildert Gieselmann. "Das glaubt doch kein Mensch! Exakt dies aber ist geschehen, und es wurde auch geglaubt. Es ist bei diesem Stück also so, dass die absurdesten Sachen, die erzählt werden, die sind, die sich exakt so zugetragen haben."

So bedeutet "Villa Alfons" für das Publikum Lachen und Kopfschütteln zwei Stunden lang. Danach Wut und Groll. Darüber, dass der Rechtsstaat das alles möglich werden ließ und bis ins ferne China lobbyierte. "Villa Alfons" ist sehenswert - auch für Finanzfachpublikum: Mainz hat S-Bahn-Anschluss zum benachbarten Finanzplatz Frankfurt. Da hat auch die BaFin ihren Sitz.