Der Wirecard-Skandal – Verspielt Deutschland seinen guten Ruf? | Bildquelle: REUTERS

Shortseller und Wirecard-Skandal "Es gab Champagner"

Stand: 06.12.2020 19:05 Uhr

Shortseller wetten auf fallende Aktienkurse - einige von ihnen gehören zu den wenigen Gewinnern im Fall Wirecard. Im Gegensatz zu den Behörden durchschauten sie früh, dass beim Konzern etwas nicht stimmte.

Von Philipp Grüll, Arne Meyer-Fünffinger, Josef Streule, Sabina Wolf, BR

"Ich habe gelacht, ich war glücklich", erinnert sich der Investor Marc Cohodes aus Kalifornien an den Moment im Juni 2020, der für Tausende andere Anleger ein Fiasko bedeutete: Am 18. Juni wurde klar, dass in den Büchern von Wirecard 1,9 Milliarden Euro fehlen.

Der Aktienkurs brach dramatisch ein. Binnen weniger Tage stürzten die Wirecard-Papiere von 105 auf rund drei Euro. Der Londoner Investor Fraser Perring erzählt: "Es gab Champagner." Er habe mit Wirecard mehr Geld gemacht, als er sich je habe vorstellen können. Perring und Cohodes zählen zu den wenigen Gewinnern im Fall Wirecard.

Nicht an das Märchen geglaubt

Die beiden sind sogenannte Shortseller. Dieser Begriff steht für Investoren, die an der Börse auf fallende Aktienkurse von Unternehmen setzen, bei denen sie Unregelmäßigkeiten wittern. An ihrem Beispiel wird deutlich: Der Wirecard-Crash kam keineswegs aus heiterem Himmel.

Während in Deutschland Behörden und Politik, Analysten und Anleger an das Märchen vom globalen Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München glaubten, gingen Shortseller ins Risiko und setzten hohe Summen auf den Zusammenbruch von Wirecard. Sie waren schon vor Jahren fest davon ausgegangen, dass bei Wirecard Bilanzen aufgebläht wurden und der Schwindel irgendwann auffliegt.

Fahmi Quadir | Bildquelle: BR
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Sie setzte bereits 2018 auf den Crash von Wirecard: Die New Yorker Hedgefonds-Managerin Fahmi Quadir.

"Eine riesige digitale Geldwaschmaschine"

Auch Fahmi Quadir verdient ihr Geld mit Shortselling. Die New Yorkerin hatte bereits den Zusammenbruch des US-Pharmagiganten Valeant vorhergesehen. 2017 durchforstete sie den Markt nach Unternehmen, bei denen sie sicher war, dass eines Tages der Kurs abstürzen würde. Ganz oben auf ihrer Liste war der Zahlungsdienstleister aus Aschheim.

"Wir waren überzeugt, dass Wirecard eine riesige digitale Geldwaschmaschine war", sagt die Hedgefonds-Managerin im BR-Interview für "Die Story im Ersten: Der Fall Wirecard - Von Sehern, Blendern und Verblendeten".

Doch statt Wirecard nahmen die deutschen Behörden lange Zeit die Kritiker des Unternehmens ins Visier. Nach einem Einbruch der Aktie, der Anfang 2019 auf mehrere kritische Artikel der "Financial Times" gefolgt war, zeigte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Journalisten der Zeitung an und erließ ein Shortselling-Verbot für Aktien des Unternehmens.

Die BaFin begründete ihre Entscheidung damit, dass die Wetten auf einen fallenden Wirecard-Kurs eine "ernstzunehmende Bedrohung für das Marktvertrauen in Deutschland" darstellten.

KfW-Ipex verließ sich auf BaFin - und verlor 89 Millionen Euro

Als im Juni 2020 der Wirecard-Konzern kollabierte, traf das auch die KfW-Ipex. Die Tochter der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hatte Wirecard 2018 einen unbesicherten Kredit über 100 Millionen gewährt und diesen trotz kritischer Berichte über den Konzern im Juli 2019 verlängert. Nach der Pleite von Wirecard verkaufte die KfW-Ipex die Forderung nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" mit einem Verlust von rund 89 Millionen Euro.

Eine Mitschuld für die Fehleinschätzung trifft wohl die deutsche BaFin. Ein Vermerk der KfW-Ipex von Juni 2019 zeigt, dass diese ihre Entscheidung über eine Verlängerung des Kredits auf die Strafanzeige der Bafin gegen kritische Journalisten und auf ein Leerverkaufsverbot von Februar 2019 stützte. Letzteres verbat Wetten gegen Wirecard und war eine bis heute einmalige Maßnahme der Bafin. Die KfW-Ipex sah beides als positives Signal und entschied sich unter anderem deswegen, den Kredit zu verlängern. Ein Fehler, wie man heute weiß. Weder die BaFin noch die KfW-Ipex wollten sich äußern.

Fatales Shortselling-Verbot

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Toncar hält dies für fatal. Damit habe die Finanzaufsicht den Eindruck erweckt, das Unternehmen sei das Opfer, sagt Toncar, der dem Wirecard-Untersuchungsausschuss angehört. Anleger und Investoren hätten gefolgert, dass bei dem Finanzdienstleister alles in Ordnung sei.

Die BaFin teilte dazu auf BR-Anfrage mit, die Behörde habe "immer wieder deutlich gemacht", dass das Shortselling-Verbot "weder eine Positionierung pro Wirecard noch eine Beurteilung der im Raum stehenden Vorwürfe" darstelle.

Der Shortseller Cohodes fand den Schritt der BaFin bereits 2019 höchst ungewöhnlich. "Ich konnte es nicht glauben", erzählt Cohodes, der seit fünf Jahrzehnten im Geschäft ist und den die "New York Times" 2001 als den profiliertesten Shortseller der Wall Street bezeichnete. Mittlerweile lebt er auf einer kalifornischen Farm und durchleuchtet von dort aus Unternehmen. "In all den Jahren habe ich noch nie erlebt, dass eine Finanzaufsicht für eine einzelne Aktie verbietet, auf fallende Kurse zu setzen", sagt Cohodes. Für ihn war der Schritt der BaFin "ein Zeichen dafür, dass hier etwas gewaltig schief lief".

Marc Cohodes | Bildquelle: BR
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Er züchtet Hühner und wettet auf fallende Aktienkurse: Wallstreet-Legende Marc Cohodes.

BaFin lehnte Treffen mit Shortsellerin ab

Quadir schrieb im Frühjahr 2019 einen 15-seitigen offenen Brief an die deutschen Finanzaufseher. Sie wette nur gegen Unternehmen, wenn Betrug offensichtlich sei, erklärte sie. Zu Wirecard habe sie monatelang auf mehreren Kontinenten Informationen zusammengetragen. Die Verstöße des Unternehmens könnten andauern und sich sogar ausweiten, so Quadir in ihrem Schreiben. Dieses blieb unbeantwortet.

Im Interview mit dem BR erzählt Quadir, dass sie der BaFin damals auch ein Treffen in Deutschland angeboten habe, um ihre Erkenntnisse zu Wirecard zu erläutern. Die Behörde bestätigt, dass es ein Gesprächsangebot gegeben habe, das man abgelehnt habe: "Eine Kontaktaufnahme erfolgt nur dann, wenn weitere Informationen benötigt werden", schreibt die BaFin.

Hackerangriffe und Bespitzelungen

Am Ende waren Shortseller im Fall Wirecard die großen Gewinner. Doch bis es soweit war, mussten sie einiges über sich ergehen lassen. Ihre Mails wurden gehackt und manche von ihnen wurden offenbar im Auftrag des Unternehmens bespitzelt, während ihre Warnungen in Deutschland ungehört verhallten.

Wirecard kam dabei zupass, dass Shortselling in Deutschland oft als anrüchig gilt. Denn bei Leerverkäufen, wie diese Geschäfte auf Deutsch heißen, gewinnen einzelne genau dann sehr viel Geld, wenn alle anderen verlieren. "Es war Teil von Wirecards Erfolg, dass man uns Shortseller als Kriminelle hingestellt hat", sagt Quadir, "als diese anonymen Gestalten, die viel Geld bewegen." Sie sagt, Leerverkäufe seien vielmehr ein Korrektiv für die Märkte. Diese Auffassung vertreten zum Teil auch Börsenexperten und Wissenschaftler.

Fraser Perring | Bildquelle: BR
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"Es gab Champagner": Der Londoner Spekulant Fraser Perring über den Moment als Wirecard in sich zusammenfiel.

Attacke aus London

Doch viele Anleger und offenbar auch die deutschen Behörden glaubten eher einem Dax-Konzern als den Investoren aus London oder New York, die von schlechten Nachrichten zu Wirecard profitieren wollten.

Dies war bereits 2016 so, als Perring mit einem Kollegen ein anonymes Dossier über Wirecard veröffentlichte. Die beiden gaben dem Papier den Namen "Zatarra", benannt nach einer Figur aus dem Roman "Der Graf von Monte Christo" von Alexandre Dumas. Sie überzogen den Konzern in dem Papier mit schweren Betrugsvorwürfen. Kurz nach der Veröffentlichung sackte der Kurs um mehr als 20 Prozent ab.

"Die Tonlage des Berichts war vielleicht manchmal etwas schrill oder es waren nicht alle Informationen hundertprozentig recherchiert", sagt der Linken-Abgeordnete Fabio De Masi, der ebenfalls dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags angehört. "Aber der Kern der Geschichte war richtig."

Auch der FDP-Abgeordnete Toncar meint, die Aufseher hätten den "Zatarra"-Report zum Anlass nehmen müssen, Wirecard eingehend zu prüfen. Dies sei aber nicht passiert. Stattdessen erstattet die BaFin Anzeige gegen den Überbringer der schlechten Nachrichten wegen Marktmanipulation."

"Die Story im Ersten: Der Fall Wirecard" läuft am 07.12. um 22.50 Uhr.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 07. Dezember 2020 um 06:07 Uhr und 06:38 Uhr. "Die Story im Ersten: Der Fall Wirecard" läuft am 07. Dezember 2020 um 22:50 Uhr in der ARD.

Korrespondent

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Arne Meyer-Fünffinger, BR

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