Markus Braun | dpa

Bilanzskandal Wirecard-Chef kommt auf Kaution frei

Stand: 23.06.2020 15:41 Uhr

Gestern war der Ex-Chef des Finanzdienstleisters Wirecard, Braun, festgenommen worden - nun kommt er gegen Kaution wieder frei. Der Österreicher will bei den Ermittlungen um die verschwundenen Milliarden kooperieren.

Der frühere Chef des Finanzdienstleisters Wirecard, Markus Braun, soll gegen Kaution wieder frei kommen. Sobald Braun eine Sicherheitsleistung von fünf Millionen Euro gezahlt habe, werde er aus der Untersuchungshaft entlassen, teilte die Staatsanwaltschaft München mit.

Die Ermittlungsrichterin am Amtsgericht München habe entschieden, den Haftbefehl unter dieser Bedingung außer Vollzug zu setzen. Außerdem müsse sich Braun wöchentlich bei der Polizei melden. "Er hat im ersten Gespräch seine Mitarbeit zugesagt", sagte die Sprecherin der Ermittlungsbehörde, Anne Leiding. Offen ist bislang, ob sich Braun selbst zu den Vorwürfen inhaltlich geäußert hat.

Der Österreicher war am Vorabend wegen des Verdachts der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation verhaftet worden. Er hatte sich selbst gestellt.

1,9 Milliarden Euro verschwunden

Der DAX-Konzern hatte in der Nacht zu Montag mitgeteilt, dass Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro - etwa ein Viertel der Bilanzsumme - "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Das Unternehmen war nach eigener Darstellung bisher von der Existenz dieser Konten ausgegangen und hatte sie als Aktivposten ausgewiesen.

Es mehren sich die Anzeichen für ein Fehlverhalten in der Unternehmensspitze. Der Aufsichtsrat hatte gestern den bereits suspendierten Vorstand Jan Marsalek "mit sofortiger Wirkung" gefeuert, der Anstellungsvertrag wurde außerordentlich gekündigt, wie Wirecard mitteilte. Marsalek war für das operative Tagesgeschäft einschließlich Südostasien zuständig, wo die Affäre ihren Anfang nahm. Gründe nannte der Aufsichtsrat nicht.

Bafin zeigt sich selbstkritisch

Mit Fragen und scharfer Kritik sind die Finanzaufsicht Bafin und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young (EY) konfrontiert. EY hatte die Wirecard-Abschlüsse 2017 und 2018 geprüft. Bafin-Chef Felix Hufeld sprach von einem "kompletten Desaster" und gab sich selbstkritisch: "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert", räumte der Behördenpräsident ein. "Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen DAX-Konzern gesehen habe." Wichtig sei nun rasche Aufklärung.

Altmaier befürchtet Imageverlust

Diese fordert auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. "Wirecard ist verpflichtet aufzuklären und etwaige Missstände abzustellen", sagte Altmaier in einem Interview mit dem Internetportal "t-online". "Es muss ermittelt werden, wie es dazu kommen konnte, dass sich offenbar Milliardenbeträge in Luft aufgelöst haben oder möglicherweise nie da waren." Zudem müsse herausgefunden werden, ob die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen eingehalten wurden - "oder ob jemand dafür auch juristisch zur Rechenschaft gezogen werden muss", sagte Altmaier weiter. Der Vorgang sei "alles andere als banal".

Der Minister warnte vor einem Imageverlust für den Wirtschaftsstandort Deutschland. "Es ist mir ganz wichtig, dass sich ein solcher Fall mit Blick auf das Vertrauen in den Bankenstandort Deutschland so schnell nicht wiederholt", sagte Altmaier. "Wir hätten eine solche Situation überall erwartet - nur nicht in Deutschland. Deshalb müssen wir, wo notwendig, hart durchgreifen." 

Aufsichtsräte-Vereinigung fordert Reformen

Reformforderung gibt es auch von anderer Stelle: "Der Fall Wirecard macht deutlich, dass die Deutsche Börse dringend eine Reformdebatte anstoßen muss", sagte der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD), Peter Dehnen, der Nachrichtenagentur Reuters.

"Wir brauchen in Deutschland einen starken Kapitalmarkt, und deshalb wünschen wir uns, dass die Deutsche Börse mit ihrer neuen starken Führung im Stil der Nasdaq die Diskussion über Standards guter Unternehmensführung vorantreibt - gemeinsam mit Aufsichtsräten und Vorständen." Die 2012 gegründete Vereinigung hat über 130 Mitglieder und bezeichnet sich als unabhängigen Berufsverband für Aufsichtsräte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Juni 2020 um 16:00 Uhr.