Markus Braun, Ex-Vorstand von Wirecard | Bildquelle: dpa

Nach Bilanzskandal Ex-Wirecard-Chef Braun festgenommen

Stand: 23.06.2020 10:39 Uhr

Erst am Freitag war Markus Braun als Wirecard-Chef zurückgetreten. Dann wurde bekannt, dass 1,9 Milliarden Euro aus der Bilanz offenbar nie existiert haben. Nun wurde er festgenommen.

Im Skandal um den Finanzdienstleisters Wirecard ist der zurückgetretene Chef Markus Braun festgenommen worden. Der Österreicher habe sich am Montagabend gestellt, teilte die Staatsanwaltschaft München mit. Demnach hatte die Staatsanwaltschaft bereits gestern einen Haftbefehl gegen Braun beantragt und erhalten. Er werde im Laufe des Tages der Ermittlungsrichterin vorgeführt, die über eine Untersuchungshaft entscheide. Braun war erst am Freitag im Bilanzskandal zurückgetreten.

Wo sind 1,9 Milliarden Euro?

Der Dax-Konzern hatte in der Nacht zu Montag mitgeteilt, dass Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro - etwa ein Viertel der Bilanzsumme - "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Das Unternehmen war nach eigener Darstellung bisher von der Existenz dieser Konten ausgegangen und hatte sie als Aktivposten ausgewiesen.

Es mehren sich die Anzeichen für Fehlverhalten in der Unternehmensspitze. Der Aufsichtsrat hatte gestern den bereits suspendierten Vorstand Jan Marsalek "mit sofortiger Wirkung" gefeuert, der Anstellungsvertrag wurde außerordentlich gekündigt, wie Wirecard mitteilte. Marsalek war für das operative Tagesgeschäft einschließlich Südostasien zuständig, wo die Affäre ihren Anfang nahm. Gründe nannte der Aufsichtsrat nicht.

Bafin zeigt sich selbstkritisch

Mit Fragen und scharfer Kritik sind die Finanzaufsicht Bafin und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young (EY) konfrontiert. EY hatte die Wirecard-Abschlüsse 2017 und 2018 testiert. Bafin-Chef Felix Hufeld sprach von einem "kompletten Desaster" und gab sich selbstkritisch: "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert", räumte der Behördenpräsident ein. "Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe." Wichtig sei nun rasche Aufklärung.

Altmaier fürchtet Imageverlust

Diese fordert auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. "Wirecard ist verpflichtet aufzuklären und etwaige Missstände abzustellen", sagte Altmaier in einem Interview mit dem Nachrichtenportal "t-online". "Es muss ermittelt werden, wie es dazu kommen konnte, dass sich offenbar Milliardenbeträge in Luft aufgelöst haben, oder möglicherweise nie da waren." Zudem müsse herausgefunden werden, ob die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen eingehalten wurden - "oder ob jemand dafür auch juristisch zur Rechenschaft gezogen werden muss", sagte Altmaier weiter. Der Vorgang sei "alles andere als banal".

Der Minister warnte vor einem Imageverlust für den Wirtschaftsstandort Deutschland. "Es ist mir ganz wichtig, dass sich ein solcher Fall mit Blick auf das Vertrauen in den Bankenstandort Deutschland so schnell nicht wiederholt", sagte Altmaier. "Wir hätten eine solche Situation überall erwartet - nur nicht in Deutschland. Deshalb müssen wir, wo notwendig, hart durchgreifen." 

Aufsichtsräte-Vereinigung fordert Reformen

Reformforderung gibt es auch von anderer Stelle: "Der Fall Wirecard macht deutlich, dass die Deutsche Börse dringend eine Reformdebatte anstoßen muss", sagte der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD), Peter Dehnen, der Nachrichtenagentur Reuters.

"Wir brauchen in Deutschland einen starken Kapitalmarkt, und deshalb wünschen wir uns, dass die Deutsche Börse mit ihrer neuen starken Führung im Stil der Nasdaq die Diskussion über Standards guter Unternehmensführung vorantreibt - gemeinsam mit Aufsichtsräten und Vorständen." Die 2012 gegründete Vereinigung hat über 130 Mitglieder und bezeichnet sich als unabhängigen Berufsverband für Aufsichtsräte.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Juni 2020 um 11:00 Uhr.

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