Zahlungsdienstleister Wirecard | AFP

Wirecard-Pleite Razzia bei Ex-Chef Braun

Stand: 01.07.2020 12:09 Uhr

Für Ex-Wirecard-Chef Braun hat die spektakuläre Pleite des Unternehmens handfeste Folgen: Die Justiz verdächtigt ihn des Betrugs und durchsuchte sein Haus. Außerdem wurde Braun fristlos entlassen. Der Konzern soll zerschlagen werden.

Dass beim spektakulären Absturz des Finanzdienstleisters Wirecard Betrug im Spiel war - davon gehen Wirtschaftsprüfer bereits seit einigen Tagen aus. Und jetzt offenbar auch die Justiz. Am Morgen wurden die Wirecard-Konzernzentrale in Aschheim bei München und mehrere Objekte in Österreich durchsucht, in denen Ex-Vorstandschef Markus Braun wohnt.

Der Grund: Neben Bilanzfälschung und Marktmanipulation komme nun auch Betrug in Betracht, so die Staatsanwaltschaft München. Ermittelt werde gegen Braun, den bis vor kurzem für das operative Geschäft zuständigen Jan Marsalek und die amtierenden Vorstandsmitglieder Alexander von Knoop und Susanne Steidl.

Für Braun reißen die schlechten Nachrichten damit nicht ab: Weil sich Anzeichen mehren, dass er auch eine persönliche Mitverantwortung für die mutmaßlichen Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro trägt, wurde der Manager nachträglich fristlos entlassen. Das teilte der Aufsichtsrat des Unternehmens mit. Braun war zwar bereits vor knapp zwei Wochen zurückgetreten, doch enthalten Arbeitsverträge von Spitzenmanagern üblicherweise auch Regelungen für Abfindungen und Altersvorsorge.

Konzern soll zerschlagen werden

Unterdessen erklärte Insolvenzverwalter Michael Jaffé, wie es mit Wirecard weitergehen soll: Der Konzern soll zerschlagen und in Einzelteilen verkauft werden: "Zahlreiche Interessenten" hätten sich "für den Erwerb von Geschäftsbereichen gemeldet.

Für Kunden und Wirecard-Beschäftigte sind das gute Nachrichten, denn der Betrieb des Finanzdienstleisters soll nach Möglichkeit nicht unterbrochen oder eingestellt werden: "Vordringlichstes Ziel im vorläufigen Insolvenzverfahren ist es, den Geschäftsbetrieb der Konzerngesellschaften zu stabilisieren", so Insolvenzverwalter Jaffé.

Keine Alleingänge

Jaffé - ein erfahrener Insolvenzverwalter, unter anderem zuständig für die Abwicklung der Kirch-Pleite - will dabei Alleingänge von Wirecard-Töchtern verhindern. Vielmehr werde es einen "von der Muttergesellschaft konzertierten Transaktionsprozess" geben, ließ Jaffé mitteilen - vermutlich an die Adresse der US-Tochter Wirecard North America. Die hatte sich am Dienstag selbst zum Verkauf gestellt und ihre Autonomie betont.

Braun Wirecard  | AP

Ex-Wirecard-Chef Braun: "Erhebliche Mitverantwortung" Bild: AP

Felix Hufeld  | dpa

BaFin-Chef Hufeld steht nach der Wirecard-Pleite unter Druck. Bild: dpa

BaFin-Chef vor Finanzausschuss

Unterdessen geht auch die politische Aufarbeitung des Skandals weiter. Der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Felix Hufeld, muss sich heute in Berlin den Abgeordneten im Bundestag-Finanzausschuss stellen. Kritiker werfen der BaFin Versäumnisse bei der Kontrolle des Zahlungsdienstleisters und damit eine Mitschuld an dem milliardenschweren Bilanzskandal vor. Dabei steht für Hufeld einiges auf dem Spiel: Von dem Auftritt hinter verschlossenen Türen dürfte abhängen, ob der 59-Jährige weiter oberster deutscher Finanzaufseher bleibt.

Hufeld hatte bereits zuvor von einem Desaster gesprochen und Fehler der Behörde eingeräumt: Man sei nicht effektiv genug gewesen, einen solchen Fall zu verhindern.

1,9 Milliarden Euro weg

Nach derzeitigem Stand hatten Wirecard-Manager einen beträchtlichen Teil der Umsätze und Gewinne des Unternehmens in Südostasien und im Mittleren Osten frei erfunden. Die mutmaßlichen Scheingeschäfte wurden als Umsätze und Gewinne mit Subunternehmern verbucht. Anfang vergangener Woche hatte Wirecard schließlich eingeräumt, dass insgesamt 1,9 Milliarden Euro Guthaben auf südostasiatischen Treuhandkonten mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht existieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Juli 2020 um 12:00 Uhr.