Das "Wirecard"-Logo auf dem Gebäude des Firmensitzes in Aschheim bei München | LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX/S
Hintergrund

Wirecard Aufstieg und Fall eines Börsenlieblings

Stand: 22.06.2020 17:34 Uhr

Wirecard galt einmal als Vorzeigeunternehmen der Digital-Branche. Nach dem Bilanzskandal steht der DAX-Konzern plötzlich am Abgrund. Wie konnte das geschehen? Ein Überblick - vom rasanten Aufstieg bis zum Absturz.

Von Ulrich Ueckerseifer,

WDR

Die Ursprünge von Wirecard liegen in der Abwicklung von Kreditkartenzahlungen im Internet. Lange Zeit, vor allem in den ersten Jahren Anfang der 2000er-Jahre, waren auch Glücksspiel- und Porno-Anbieter unter den Kunden. Doch die Abwicklung von bargeldlosem Zahlungsverkehr wird schnell ein immer größeres Geschäft. Die dazu notwendige digitale Infrastruktur ist innovativ.

Ulrich Ueckerseifer

Das Geschäftsmodell

Ob der Einkauf im Supermarkt oder im Internet, ob Zahlung mit Girocard oder Kreditkarte: Irgendwie muss das Geld vom Konto des Käufers auf das Konto des Verkäufers kommen. Ein Brot-und-Butter-Geschäft: Eine kleine Gebühr pro Transaktion bringt bei großem Volumen sicheren Gewinn. Das Unternehmen kümmert sich zum einen um die elektronische Überweisung, zum anderen prüft Wirecard mithilfe seiner Software, ob ein Kunde zum Beispiel beim Einkauf im Internet vertrauenswürdig ist, sprich: ob sein Konto ausreichend gefüllt ist. Wenn heute jemand bei Amazon und Co. einkauft und per Kreditkarte zahlt, dann läuft die Zahlungsabwicklung im Hintergrund mit einiger Wahrscheinlichkeit über den DAX-Konzern.

Die Zukunftsvision

Durch die technische Entwicklung ist das bargeldlose Zahlen inzwischen viel mehr als die fast schon klassische "Zahlung mit der Karte". Bezahlen mit dem Handy, Fingerabdruck statt PIN oder Unterschrift - all das ist technisch möglich. Wirecard könnte bei all diesen Entwicklungen vorne dabei sein. Doch dazu muss das Unternehmen erst mal den riesigen Bilanzskandal überstehen und dann auch das Vertrauen der Kunden wiedererlangen. Denn Zahlungsabwicklung ist keine Technik, die andere nicht auch können. Ein Unternehmen mit der Abwicklung der eigenen Zahlungen zu beauftragen, das setzt Vertrauen voraus.

Rasantes Wachstum, tiefer Fall

Jedes Jahr mehr Umsatz, jedes Jahr mehr Gewinn - diese Story ist an den Finanzmärkten sehr willkommen, erzeugt aber auch große Erwartungen: die nach immer mehr davon. Wirecard lieferte. Das ergab sich aus dem Wachstum des Onlinehandels, aber auch durch Zukäufe, gerade in Asien. Auch der Börsenwert des Unternehmens wuchs rasant: Von rund einer Milliarde Euro vor 10 Jahren auf über 17 Milliarden Euro im Februar dieses Jahres. Da lag der Aktienkurs noch bei 140 Euro. Der Kursverlust seitdem: rund 90 Prozent.

Die Vorwürfe

Schon seit Anfang 2019 gibt es massive Vorwürfe gegen Wirecard. Der Tenor: Da stimmt was nicht mit der Bilanz. Wirecard hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen und wollte sich durch Bilanzprüfer bestätigen lassen, dass alles okay ist. Doch diese Bestätigung gab es nicht. Im Frühjahr dieses Jahres wurde die Bilanzvorstellung mehrfach verschoben und platzte am 18. Juni ganz. An diesem Tag gab das Unternehmen auch bekannt, dass fast zwei Milliarden Euro nicht auffindbar seien. Sie waren angeblich bei Banken auf den Philippinen  geparkt. Noch ist unklar, ob die Gelder gestohlen wurden oder ob es die Milliarden nie gab.

Der Verdacht von Branchenkennern: Es könnte sein, dass es die Milliarden nur auf dem Papier gab, um Umsatz und Gewinn vorzutäuschen - träfe das zu, würde der Fall Wirecard zu einem der größten Fälle von Bilanzfälschung in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Juni 2020 um 17:00 Uhr.