Interview

Rekordverschuldung durch Konjunkturpaket

Interview mit Wirtschaftspsychologe Winfried Neun "Das Konjunkturpaket bringt nichts"

Stand: 20.02.2009 03:26 Uhr

"Begeisterungsstürme wird es keine geben", sagt Wirtschaftspsychologe Winfried Neun im tagesschau.de- Interview. Trotz der Zustimmung des Bundesrats zum größten Konjunkturprogramm der Bundesrepublik ist sich Neun sicher: "Die Wirkung des Pakets ist längst verpufft!" 

tagesschau.de: Wird das Konjunkturpaket II die Stimmung in der deutschen Wirtschaft heben?

Winfried Neun: Ich glaube das nicht. Die Entwicklung und Konzeption des Konjunkturpakets hat viel zu lange gedauert. Eigentlich sollte es ja Hoffnung und Euphorie wecken - aber diese psychologische Wirkung ist heute längst verpufft. Und es gibt aber noch zwei weitere Gründe, warum das Konjunkturpaket II nichts bringt. Zum einen wirkt es erst zeitversetzt. Die Bevölkerung wird also zunächst keine direkten Erfolge sehen. Das wirkt entmutigend. Zum anderen haben es die Politiker versäumt, mit eigener Begeisterung und eigener Euphorie für das Paket zu werben. Das schafft natürlich keine positive Stimmung.

alt Winfried Neun

"Zur Person " "Wienfried Neun"

Winfried Neun berät seit mehr als 15 Jahren Firmen bei Veränderungsprozessen. Der Geschäftsführer der KOM Managementberatung in Allensbach hat an der Universität Konstanz Wirtschaftswissenschaften und Psychologie studiert. Neben seiner Beratertätigkeit, ist Neun auch Dozent an der Fachhochschule Nürtingen.

tagesschau.de: Sind die 50 Milliarden Euro des Konjunkturpakets II nicht schon Grund genug für gute Stimmung?

Neun: Das ist ja das Problem in Deutschland. Immer wird nur über das Geld gesprochen. Es geht aber eben nicht nur um die Menge, sondern viel mehr um die psychologische Wirkung, die ein solches Paket erzeugen kann. Es sollen damit ja auch Stärke und Zukunftssicherheit vermittelt werden. Dabei geht es nicht um die Höhe von Milliardenbeträgen, hier geht es um Fragen wie Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit. Über die Vermittlung des Konjunkturpakets hat sich aber offensichtlich kein Politiker Gedanken gemacht.

tagesschau.de: Was läuft bei der Vermittlung falsch?

Neun: Kein entscheidender Politiker, weder der Bundesfinanzminister noch die Bundeskanzlerin, haben die Bürger wirklich dazu aufgerufen, das Paket aktiv zu nutzen. Es ging nie das Signal aus: "Gestaltet eure Zukunft!". Stattdessen wird immer darüber geredet, dass das Paket noch nicht vollständig ist und in seiner Wirkung verpuffen wird. Das entspricht anscheinend der deutschen Mentalität: Immer wird alles eher schlecht geredet und abgewertet. Niemand kommt auf die Idee, auch mal etwas positiv darzustellen.

tagesschau.de: Eine "positive Einstellung finden" - ist das nicht eine etwas zu simple Antwort auf eine sehr schwierige Wirtschaftssituation?

Neun: Tatsache ist: Es wirkt! Der Mensch ist nun einmal so gestrickt. Bei uns allen ist genetisch ein Programm festgelegt, wie wir auf Ängste und Verunsicherungen reagieren. Und momentan haben die Menschen einfach Angst. Angst vor Investitionen oder noch grundsätzlicher: Angst vor Entscheidungen. Das gilt sowohl für den einfachen Bürger, wie auch für den Wirtschaftsmanager. Ängste und Verunsicherungen produzieren aber leider erst einmal Stillstand. In der Psychologie heißt das "Lageorientierung": wir bleiben stehen, wir beobachten. Erst danach kommen wir in Bewegung. Wenn dieser Beobachtungszeitraum zu lange dauert, dann graben wir uns noch tiefer in die Krise ein. Das Konjunkturpaket II hätte diesen Zeitraum des Beobachtens eigentlich verkürzen können - wenn es eben gut rübergebracht worden wäre.

tagesschau.de: Dieses "Rüberbringen" ist dann die eigentliche Wirtschaftspsychologie?

Neun: Genau. Deshalb reagieren ja auch die Börsen nicht auf die Konjunkturpakete der Regierung. Börsen sind zu 80 Prozent Psychologie, und die brauchen ihren Kick und ihre positiven Impulse, indem man sagt: "Das Ding kann funktionieren, daran glaube ich!"

tagesschau.de: Wieso funktioniert das dann in den USA nicht? Präsident Barack Obama hat jetzt das größte Konjunkturpaket der US-Geschichte auf den Weg gebracht und ist ja anerkanntermaßen ein großer Motivator. Trotzdem fallen die Aktienkurse.

Neun: Auch bei den amerikanischen Investoren ist die Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit der aktuellen Konjunkturpakete noch nicht voll angekommen. Psychologisch betrachtet, befinden sich die USA zurzeit noch in der "Beobachtungsphase". Doch die wird nicht mehr lange andauern, da bin ich mir sicher. Präsident Obama hat dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet. Vor allem im Vergleich zur deutschen Bundeskanzlerin. Das lässt sich schön an zwei Aussagen festmachen. Während Frau Merkel davon sprach, dass das Jahr 2009 ein sehr schwieriges und kritisches Jahr für jeden von uns werde, appelliert Obama an seine Landsleute, jetzt aktiv zu werden, um ein schlimmes Jahr abzuwenden. Das ist der Unterschied: Obama beginnt mit dem positiven Ansatz und spricht dann über die Folgen. In Deutschland werden erst mal die Folgen als "Horrorszenario" aufgebaut und dann schaut man erst nach Lösungen.

tagesschau.de: Was sollte aus Ihrer Sicht jetzt konkret gemacht werden?

Neun: Wir müssen uns wieder über unsere Stärken bewusst werden. Wir sind immer noch eine sehr innovative und sehr leistungsfähige Wirtschaftsnation. Warum lädt die Bundeskanzlerin beispielsweise nicht zu einem Innovationsgipfel ein, auf dem sich nur Unternehmen präsentieren, denen es zu Zeit sehr gut geht. Davon gibt es ja unzählige. Das Signal, das von solch einem Gipfel ausgehen würde, wäre ebenso wertvoll wie ein Konjunkturpaket II.

Das Interview führte Niels Nagel, tagesschau.de

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