Eine Ärztin impft in ihrer Praxis eine Patientin gegen das Coronavirus. | dpa

Ansturm auf Hausarztpraxen Gibt es genug Impfstoff?

Stand: 19.11.2021 09:45 Uhr

Um die vierte Corona-Welle zu brechen, sollen Millionen Menschen in den nächsten Monaten die dritte Impfung bekommen. Hausarztpraxen erleben teils schon einen großen Ansturm. Doch gibt es überhaupt genügend Impfstoff?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Die Freude über die sommerlichen Impffortschritte dauerte nur kurz. Nun hinkt Deutschland schon wieder anderen Ländern hinterher - unter anderem bei der Auffrischungsimpfung. In Israel und Großbritannien sind inzwischen deutlich mehr Menschen dreifach geimpft. In Israel hat fast jeder Zweite schon seinen dritten Piks erhalten. In Großbritannien sind zwölf Prozent der Bevölkerung "geboostert". Auch Frankreich, Italien und Polen haben Deutschland bei den Auffrischungsimpfungen überholt.

Nur gut fünf Prozent der Deutschen dreifach geimpft

Bisher haben erst 4,8 Millionen Deutsche eine "Booster"-Impfung bekommen. Das sind gerade mal rund 5,7 Prozent der Bevölkerung - viel zu wenig, sagen Politiker und Wissenschaftler. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt, dass sich die Zahl der Drittgeimpften bis Ende des Jahres mehr als verdreifachen soll auf rund 15 Millionen Menschen. Das hat das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung hochgerechnet.

Der amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reicht das nicht. Sie hat als Ziel 27 Millionen "Booster"-Impfungen bis Weihnachten ausgegeben. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hält laut "Bild"-Zeitung sogar bis Jahresende 40 Millionen Impfungen für möglich. Nur so könnte die vierte Welle gebrochen werden.

Um solche ehrgeizigen Ziele zu schaffen, müsste Deutschland nun den "Impfturbo" einschalten. Alleine um die von der STIKO empfohlenen 15 Millionen Bürger noch bis Ende Dezember zu "boostern", wären pro Woche 1,8 Millionen Impfungen nötig. In der vergangenen Woche lag jedoch die Zahl der Drittimpfungen bei nur 1,1 Millionen.

Hausärzte tragen die Hauptlast

Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf den Hausärzten. Sie tragen die Hauptverantwortung in der Bekämpfung der vierten Corona-Welle. Sie sollen das Gros der Impfungen durchführen und die Impfzentren ersetzen, die in vielen Orten abgebaut oder verkleinert wurden. Laut einer Umfrage der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" unter den Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder werden allein in Nordrhein-Westfalen 93 Prozent aller Auffrischungsimpfungen durch Hausarztpraxen verabreicht. Im Saarland beträgt die Quote 90 Prozent, in Brandenburg 85 Prozent, in Hamburg sind es etwas mehr als 70 Prozent.

Bei der gestrigen Bund-Länder-Runde machten die Ministerpräsidenten Druck auf die Hausärzte. "Die sollen jetzt einfach impfen", forderte Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Bislang "impfen die Ärzte zu wenig", klagte Malu Dreyer (SPD), die Landeschefin von Rheinland-Pfalz.

18 Euro mehr Geld pro Impfung

Mit finanziellen Anreizen sollen die Ärzte geködert werden, damit sie mehr impfen. Sie bekommen künftig 28 Euro statt 20 Euro pro Impfung. Am Wochenende gibt es gar 38 Euro pro Spritze.

Doch noch hält sich das Interesse in Grenzen. Viele Praxen sind aus der Impfkampagne ausgestiegen. Anfang November boten nur noch 33.000 Ärzte Impfungen an, nachdem es im Sommer zeitweise um 80.000 waren, darunter auch viele Fachärzte. Einige Mediziner fühlen sich erschöpft und haben keine Lust, von "Impfgegnern" ständig beschimpft oder gar bedroht zu werden.

Mangel an Impfstoff in einigen bayerischen Impzentren

Die Praxen, die weiter impfen, erleben seit ein paar Tagen einen regelrechten Ansturm. Einige waren der großen Nachfrage nicht gewachsen und kamen mit dem "Boostern" nicht hinterher. In Bayern mussten ein paar Impfzentren die Bürger wieder nach Hause schicken, weil nicht genügend Impfstoff verfügbar war. "Aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage nach Erst- und Auffrischungsimpfungen wird im Freistaat der Impfstoff knapp", warnte vor einer Woche die Stadt München. So habe das Impfzentrum in München-Riem keine Nachlieferung bekommen.

Doch solche Lieferengpässe sind eher die Ausnahme. "Es ist genug Impfstoff da", versichert Gabriele Regina, die Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Praxen könnten wöchentlich flexibel so viel Impfstoff bestellen, wie sie in den nächsten Wochen vermutlich verimpfen, betonte sie. Die aufgetauten Vakzine könnten im Kühlschrank der Praxen einen Monat oder länger aufbewahrt werden.

Auch das Bundesgesundheitsministerium beteuert, dass ausreichend Impfstoffe zur Verfügung stünden. Alleine in dieser zu Ende gehenden Woche seien dem pharmazeutischen Großhandel über vier Millionen Dosen ausgeliefert worden. Engpässe hätten eher mit logistischen Problemen und zu viel Bürokratie zu tun, meinen Experten. Damit schneller und mehr geimpft werde, sollte ausreichend Impfstoff in Apotheken gelagert und nicht mehr umständlich vorbestellt werden, schlägt Frank Dastych vor, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen.

Spahn schürte Verunsicherung

Für Verwirrung in den Praxen sorgte auch Bundesgesundheitsminister Spahn mit seiner Empfehlung einer Auffrischungsimpfung für alle. Hausärzte berichteten von zahlreichen verunsicherten Patienten, die panisch anriefen oder die Sprechzimmer stürmten. Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, zeigte sich verärgert. Er wirft der Bundesregierung "eine miserable Krisenkommunikation" vor. Die Auffrischungsimpfungen müssten in geordneten Bahnen verlaufen. Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) meint, dass die Hausärzte die "Booster"-Impfkampagne nicht alleine schaffen. Sie seien schon jetzt überlastet, zumal nun auch noch Kinder geimpft werden können.

Entlastung könnten Betriebsärzte bieten. Sie haben nun zugesagt, rasch mit den "Booster"-Impfungen zu beginnen. "Wir stehen bereit", sagte der Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, Wolfgang Panter, der "Stuttgarter Zeitung". Im Dezember könnte mit dem "Boostern" begonnen werden. Konzerne wie BASF wollen in Kürze ihre Impfstraßen wieder reaktivieren.

Darüber hinaus schlagen Experten und Politiker wie Kanzlerin Merkel vor, dass auch Apotheker impfen sollen. Um das Impftempo zu erhöhen, sollte auch in Apotheken geimpft werden, fordert ebenfalls der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler. Die Idee, Tierärzte mit in die "Booster"-Kampagne einzubinden, wurde hingegen offenbar verworfen.

"Boostern" erhöht den Impfschutz deutlich

Über eines sind sich die meisten Politiker, Ärzte und Virologen inzwischen einig: über den wirksamen Nutzen der "Booster"-Impfung. Fred Zepp, Mediziner aus Mainz und Mitglied der STIKO, verweist auf Studien aus Israel, England und Schweden, aus denen hervorgehe, dass "die Impfstoffe etwa fünf bis acht Monate nach der zweiten Dosis an Wirksamkeit verlieren". Laut einer schwedischen Studie lag die Impfeffektivität des BioNTech-Vakzins nach sechs Monaten bei nur noch 30 Prozent. Beim Impfstoff von Moderna waren es immerhin noch 60 Prozent. Studien aus Israel zeigen, dass der dritte Piks einen 20fach höheren Impfschutz biete als eine Zweifachimpfung.

Experten empfehlen doppelt Geimpften "Kreuzimpfungen" als wirksamsten Schutz gegen die hoch ansteckende Delta-Variante. So sollten Geimpfte mit BioNTech am besten eine Auffrischungsimpfung mit dem Moderna-Vakzin machen. Wer mit Moderna geimpft sei, sollte sich idealerweise mit BioNTech "boostern" lassen. Freilich: All zu sicher sollten sich "Geboosterte" auch nicht fühlen. Die in Deutschland angebotenen Auffrischungsimpfungen sind die alten Vakzine, die seit Jahresanfang verimpft werden. An die Delta-Variante angepasste Impfstoffe sind noch nicht zugelassen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. November 2021 um 18:44 Uhr.