Davos | Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Weltwirtschaftsforum in Davos Verhagelte Stimmung vor verschneiter Kulisse

Stand: 16.01.2023 16:02 Uhr

Ukraine-Krieg, Corona-Pandemie und Inflation - die Liste der globalen Krisen ist lang. Entsprechend gedrückt ist die Stimmung beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Der Sound von Davos ist schon da: Militärhelikopter kontrollieren den Luftraum und bringen die globale Elite in den Schweizer Nobelskiort. Rund 3000 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft werden zum Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) erwartet. Zum ersten Mal seit Pandemiebeginn trifft man sich wieder wie gewohnt im Januar zu Debatten und Austausch. Das Fernziel - so steht es in den WEF-Statuten - ist, "den Zustand der Welt zu verbessern". Und der ist schlecht, selten haben so viele globale Krisen gleichzeitig die Welt erschüttert.

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

 "Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt"

Im Moment sei es ein multidimensionales Gefahrenumfeld, sagt auch WEF-Geschäftsführer Alois Zwinggi. "Wir sehen auf der einen Seite den Klimawandel, den wir vielleicht in den letzten zwei Jahren wegen anderer Krisen etwas weniger im Fokus hatten." Zudem sei die Wirtschaftssituation extrem angespannt: "hohe Teuerung, niedriges Wachstum und hohe Verschuldung". Der Krieg in der Ukraine habe die Energie- und die Nahrungsmittelkrise noch einmal verschärft. "Also da wird sehr vieles zu machen sein", sagt Zwinggi.

Politik trifft Wirtschaft und Finanzwelt

Mit einer Eröffnungsfeier beginnt am Dienstagabend das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Es ist das 53. Jahrestreffen der Veranstaltung, die 1971 erstmals als "European Management Symposium" stattfand. In diesem Jahr werden so viele Teilnehmer wie noch nie erwartet. Ab Dienstag stehen Reden und Podiumsdiskussion mit zahlreichen prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Finanzwelt auf dem Programm, erwartet werden unter anderem EU-Komissionschefin Ursula von der Leyen, Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez, Chinas Vizepremier Liu He und Siemens-Chef Roland Busch. Das WEF geht bis zum Freitag.

Die Stimmung ist gedrückt. Alle steckten in einem "Krisen-Denkschema", erklärt WEF-Gründer Klaus Schwab. Davos solle nun dazu beitragen, diese Denkweise zu ändern. "Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt" lautet das Motto des Treffens mit 52 Staats- und Regierungschefs und mehr als 600 Vorstandsvorsitzenden aus der Wirtschaft.

Gerät der Klimaschutz ins Hintertreffen?

Auch Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, werden erwartet. Schon am Sonntag marschierten rund 300 WEF-Kritikerinnen und Kritiker nach Davos. Ihr Hauptvorwurf: Das WEF tue nichts gegen die Klimakrise.

Doch nicht nur Linke und die Klimaaktivisten kritisieren das Treffen der Mächtigen in Davos. Seit einiger Zeit ist das Weltwirtschaftsforum auch weltweit Angriffsziel von Rechtsaußen-Politikern. Mit dem genau umgekehrten Vorwurf: das WEF sei zu grün, zu "woke", zu links. Das hat auch WEF-Geschäftsführer Alois Zwinggi überrascht:

Das war schon eine neue Erfahrung, dass das WEF in einem Land als 'neo-kommunistische Organisation' in einer Parlamentsdiskussion erwähnt wurde. Vielleicht kann man auch sagen: Dank dieser Kritik sieht man, dass man eine gewisse Relevanz hat.

"Globalisierung muss anders aussehen"

Zwar ist das WEF keine neo-kommunistische Organisation geworden, aber auch in Davos hat man bemerkt, dass die Globalisierung die Konzerne reich gemacht und den weltweiten Wohlstand erhöht hat. Aber dass diese Globalisierung an ihre Grenzen gekommen ist. So betont auch Zwinggi: "Wir werden die Globalisierung auch weiterhin brauchen, aber sie wird anders aussehen müssen: grüner und nachhaltiger."

Dabei setze man in Davos weiter auf Dialog, auch mit schwierigen Partnern. Gleich zu Beginn und unmittelbar nach EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen wird der chinesische Vize-Premierminister Liu He zur versammelten Weltelite sprechen. Nicht am Tisch in Davos ist Russland. Wie im vergangenen Jahr wird zur Eröffnung des Weltwirtschaftsforums der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij eine Rede halten.