Öl-Pipelines in den USA | AP

Sinkende Preise USA stabilisieren den Ölmarkt kurzfristig

Stand: 01.04.2022 11:08 Uhr

Die USA haben eine historische Menge ihrer nationalen Ölreserve freigegeben. Die Ölpreise gehen aktuell zurück. Doch Experten schätzen, dass der Markt nicht langfristig entlastet wird.

Von Lilli-Marie Hiltscher, tagesschau.de

Die Ölpreise sind am Morgen erneut gefallen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostet aktuell 102,80 US-Dollar und ist damit fast 20 Dollar billiger als noch Ende März. Auch der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI fiel auf 98,64 US-Dollar.

Lilli Hiltscher

USA geben historische Menge frei

Hauptgrund für die sinkenden Preise ist eine historische Freigabe der nationalen Ölreserve durch die USA. Gestern hatte US-Präsident Joe Biden verkündet, das Land werde 180 Millionen Barrel Öl aus der strategischen Reserve zur Verfügung stellen. Das bedeutet eine Menge von einer Million Barrel Öl pro Tag, und das ein halbes Jahr lang - es entspricht rund einem Prozent der täglichen weltweiten Ölnachfrage. Das freigegebene Öl soll im Mai auf den Markt kommen. Außerdem rief Biden die Ölkonzerne zu einer höheren Förderung auf.

"Die USA geben etwas mehr als 30 Prozent ihrer gesamten strategischen Reserve frei. In dieser Größenordnung wurde in den vergangenen 45 Jahren, seitdem es diese Reserven gibt, noch nie Öl freigegeben", erklärt Dora Borbely, Rohstoffexpertin der Deka-Bank, die Dimension der Freigabe auf Anfrage von tagesschau.de.

Ölpumpen auf einem Ölfeld bei Ponca City, Oklahoma
Die strategische Erdölreserve der USA

Die nationale Erdölreserve ist Notvorrat, der den Zugang zu Erdöl im Falle von Naturkatastrophen oder nationalen Sicherheitsfragen sichern soll. Ziel ist es, einen potenziellen, kurzfristigen Erdöl-Versorgungsengpass eines Landes überbrücken zu können.
Die Vorratslager für die strategische Ölreserve der Vereinigten Staaten (Strategic Petroleum Reserve) fassen maximal 727 Millionen Barrel Rohöl (Stand: März 2022). Aktuell lagern etwas weniger als 600 Millionen Barrel Öl in den vier Lagerstätten am Golf von Mexiko in Texas und in Louisiana.

Freigabe entlastet den US-Markt

Der US-Präsident hat nach Einschätzung der Deka-Bank-Analystin vor allem das Ziel, die Konsumenten in den USA zu entlasten: "Es geht bei der Freigabe in erster Linie um den Ersatz russischer Lieferungen in die USA, bei denen es sich vor allem um weiterverarbeite Ölprodukte wie Treibstoffe handelte. Der US-Präsident will die Benzinpreise in den USA senken und damit die Konsumenten zu entlasten."

Denn die 180 Millionen Barrel, welche die USA nun freigeben, entsprechen nach Angaben der Analystin ungefähr der Menge, die Russland im Verlauf dieses Jahres noch in die USA geliefert hätte. "Den US-Markt wird diese Freigabe auf jeden Fall erst einmal entlasten. Der Markt wird sich entspannen und wahrscheinlich werden die Preise für Benzin und Öl zurückgehen", so Borbely.

"Ölknappheit verschiebt sich in die Zukunft"

International und vor allem langfristig aber wird die Freigabe kaum positive Effekte haben, da sind sich Analysten einig. Denn die Freigabe löse zwar kurzfristig das Problem einer Knappheit auf dem Markt und lasse auch an den weltweiten Märkten die Preise sinken. "Langfristig wird es keine Effekte haben. Wenn die Reserven später wieder aufgefüllt werden, kommen ölpreistreibende Auswirkungen aufgrund der erhöhten Nachfrage zum Tragen", erklärt die Deka-Analystin. Somit verschiebe sich das Problem einer Ölknappheit lediglich in die Zukunft, da sich durch die Freigabe der Ölreserve nicht die Mengen des zur Verfügung stehenden Öls verändern.

Diese Einschätzung teilen auch die Analysten der US-Bank Goldman Sachs: Zwar stabilisiere sich der Ölmarkt zunächst, aber Ölvorräte freizugeben sei keine dauerhafte Lösung, um die Versorgung sicherzustellen. "Eine solche Freigabe würde daher das seit Jahren bestehende strukturelle Versorgungsdefizit nicht lösen." Die USA könnten damit allenfalls die starke Volatilität begrenzen und große Aufwärtsbewegungen abschwächen, sagte auch Avtar Sandu, Rohstoffmanager bei Phillip Futures gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

OPEC+ wollen Fördermenge nicht erhöhen

Parallel dazu hatte der Verbund der Ölförderländer OPEC+ nach einem Treffen gestern verkündet, trotz der hohen Weltmarktpreise die Fördermengen nicht zu erhöhen. Die Energieminister der 23 OPEC+-Staaten beschlossen bei ihrem virtuellen Treffen, dass man die Ölproduktion im April um lediglich rund 400.000 Barrel pro Tag erhöhen wolle. Somit bleiben die Staaten dabei, die künstliche Beschränkung der Fördermenge erst im September auslaufen zu lassen.

Zudem gibt es Spekulationen, dass die Mitglieder der Internationalen Energieagentur (IEA) Teile ihrer nationalen Erdölreserven freigeben wollen. Für heute wurde ein außerordentliches IEA-Treffen einberufen.

Über dieses Thema berichtete das heute journal update im Zweiten am 19.03.2022 um 00:25 Uhr.