Nadine Fischer | Mona Botros, SWR

"Degrowth" statt Wachstum Ein anderes Leben für den Klimaschutz?

Stand: 15.11.2022 05:08 Uhr

Immer mehr Menschen wollen nicht warten und ihren eigenen Beitrag zum Schutz des Klimas leisten. Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins Report Mainz sind viele Deutsche bereit, ihr Leben für mehr Klimaschutz zu ändern.

Von Monika Anthes, Mona Botros und Claudia Kaffanke, SWR

Im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt ernähren sich die Bewohner seit 25 Jahren weitgehend vegan. Auf den Tisch kommt vor allem Gemüse und Obst, das sie auf ihren eigenen Feldern anbauen. Sie kochen gemeinsam, teilen viele Dinge des Alltags und nutzen vor allem öffentliche Verkehrsmittel. Die Bewohner wollen bewusst nachhaltig leben und auf Konsum verzichten, um das Klima zu schützen. Auch die besondere Bauweise ihrer Häuser aus Holz, Stroh und Lehm spart Ressourcen und CO2. Ganz im Sinne von "Degrowth" - das englische Wort bezeichnet die Einschränkung von Konsum zum Wohle von Natur- und Klimaschutz.

Luftaufnahme vom Ökodorf Linden.  | Report Mainz

Das Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt. Bild: Report Mainz

Wachstum Hauptgrund für Klimakrise?

Im politischen Thinktank "Konzeptwerk neue Ökonomie" in Leipzig ist man davon überzeugt, dass das Streben nach immer mehr Wirtschaftswachstum ein Hauptgrund für die Klimakrise ist. Deshalb fordern sie hier eine Abkehr vom Wachstumszwang. "Wenn wir davon ausgehen, dass auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kein unendliches Wachstum möglich ist, und wenn wir es doch versuchen, so wie es aktuell passiert, sehen wir halt Krisen wie zum Beispiel die Klimakrise", erklärt Ruth Krohn den politischen Ansatz der Gruppe.

Doch wie viele Deutsche sind bereit, ihre Lebensgewohnheiten für das Klima wirklich zu ändern? Um das herauszufinden, hat Report Mainz beim Meinungsforschungsinstitut infratest dimap eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben. In der vergangenen Woche wurden dafür bundesweit 1225 Menschen befragt. In der Befragung zeigen sich rund die Hälfte aller Deutschen dazu bereit, für den Klimaschutz ihre Lebensgewohnheiten zu verändern. Und selbst die Abkehr vom Paradigma des Wirtschaftswachstums ist für viele denkbar.  

Verzicht auf Wirtschaftswachstum

Weniger neu kaufen, mehr reparieren und teilen sowie der Verzicht auf immer mehr Wirtschaftswachstum, um das Klima zu schützen: Wie stehen die Deutschen zu diesem Grundgedanken der Degrowth-Bewegung? Die Umfrage zeigt: 46 Prozent der Befragten stimmen der Aussage, "wir müssen auf Wirtschaftswachstum verzichten, um den Klimawandel zu stoppen", zu. Genauso viele, ebenfalls 46 Prozent, lehnen diese These ab.

Mehrheit kann sich vorstellen weniger Auto zu fahren

Auch ein Verzicht auf das eigene Auto ist für viele denkbar. Auf die Frage, "sind Sie angesichts des Klimawandels bereit, seltener oder gar nicht mehr mit dem eigenen Auto zu fahren?", geben 19 Prozent der Befragten an, schon heute kaum ein Auto zu nutzen. Weitere 35 Prozent können sich vorstellen, verstärkt darauf zu verzichten. Für 44 Prozent steht das dagegen außer Frage. Sie wollen eher nicht (24 Prozent) oder auf gar keinen Fall (20 Prozent) ihre individuelle Mobilität einschränken.

Verzicht auf Fleisch für viele denkbar

Auf die Frage: "Sind Sie angesichts des Klimawandels bereit, seltener oder gar kein Fleisch mehr zu essen", erklären 49 Prozent, sie seien bereit, für den Klimaschutz seltener oder gar kein Fleisch mehr zu essen. Acht Prozent geben an, bereits jetzt vegetarisch oder vegan zu leben. Vor allem höher Gebildete und Frauen können sich vorstellen, ihre Ernährung für den Klimaschutz umzustellen. Dem gegenüber stehen 41 Prozent, die eher nicht oder "auf keinen Fall" auf Fleisch verzichten möchten.

Stehkreis der Bewohner des Ökodorfes Linden.  | Mona Botros, SWR

Im Ökodorf Sieben Linden setzen sie auf selber Anbauen - statt Obst und Gemüse vom anderen Ende der Erde. Bild: Mona Botros, SWR

Erzeugung und Konsum von Lebensmitteln bis 2100 klimaneutral?

Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben anhand von Computersimulationsmodellen berechnet, welche Maßnahmen ergriffen werden müssten, damit die CO2-Emissionen im Lebensmittelsektor deutlich sinken. Ein alleiniger Verzicht auf Wirtschaftswachstum, wie ihn die Degrowth-Bewegung fordert, führe zwar zu einer leichten Reduktion der Treibhausgase, sei aber nicht ausreichend. Nur durch die Kombination mehrerer Maßnahmen könne man die Erzeugung und den Konsum von Lebensmitteln bis zum Ende dieses Jahrhunderts emissionsneutral machen.

Das erläutert Hermann Lotze-Campen im Interview mit Report Mainz: "Die drei wichtigsten Maßnahmen, um die ernährungsbedingten Emissionen zu reduzieren, sind tatsächlich Umstellung auf eine sehr stark pflanzliche Ernährung. Reduktion der Abfälle, also so wenig wie möglich Nahrungsmittel wegwerfen. Und dann muss noch die Produktion so emissionsarm wie möglich gestaltet werden." Um das zu erreichen, müsse es ein klares Preisschild für Emissionen in der Landwirtschaft geben. "Also, im Grunde müssen tierische Produkte verteuert werden und pflanzliche Produkte günstiger gemacht werden", so Lotze-Campen.

CO2-Steuer auf Lebensmittel

Sind die Deutschen bereit, für den Klimaschutz höhere Preise zu akzeptieren? 42 Prozent stimmen der Aussage "die ökologischen Kosten für Produkte, Güter und Dienstleistungen sollten stärker in den Preis einfließen, zum Spiel in Form einer CO2-Steuer" zu. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) lehnen diese Aussage ab.

Report Mainz hat das Bundeswirtschaftsministerium um eine Stellungnahme zu der Forderung nach einer CO2 Bepreisung von Lebensmitteln gebeten. Das Ministerium hat nicht geantwortet.