Gewerkschaftsmitglieder und Unterstützer bei einer Kundgebung vor dem Hauptsitz von Kellogg's, um die streikenden Arbeitnehmer in Battle Creek, Michigan, zu unterstützen.  | AP

Streikwelle in den USA "Die Leute haben es einfach satt"

Stand: 09.11.2021 11:28 Uhr

Trotz der Corona-Krise erzielen viele große Unternehmen in den USA Rekordprofite. Doch die Bezahlung für Arbeiter ist oft schlecht - das wollen viele nicht länger hinnehmen, sie streiken. So auch bei Kellogg's.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Ein Autofahrer hupt solidarisch. Dave Elliott winkt und rückt das Streik-Schild zurecht, das er sich vor die Brust geschnallt hat: "Wir kämpfen für die Zukunft" steht darauf. Der 58-Jährige und einige Kolleginnen und Kollegen stehen bei Sonnenschein und fünf Grad vor einem der beiden Tore von Kellogg's in Lancaster in Pennsylvania.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Hinter meterhohem Maschendrahtzaun sind die verlassen wirkenden Silos und Fabrikanlagen zu sehen; ab und zu kommt ein Laster durchs Tor. Der Parkplatz ist leer. Lancaster ist eins von vier Werken des Traditionsunternehmens, die nun schon seit über fünf Wochen bestreikt werden. Es geht um die Basics, sagt Dave. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit statt einer Zweiklassengesellschaft: "Das ist unfair, unethisch und einfach nicht richtig."

Ungleiche Verträge

Was Dave meint: Etwa ein Drittel der 1400 streikenden Kellogg's Mitarbeiter - nämlich alle, die nach 2015 eingestellt wurden - verdient deutlich weniger als altgediente Kolleginnen und Kollegen. Sie haben weniger Urlaubsanspruch und eine schlechtere Kranken- und Rentenversicherung.

Nick Pham beispielsweise. Der Mitvierziger mit vietnamesischen Wurzeln arbeitet seit zwei Jahren bei Kellogg's - nachdem sein voriger Job bei einer Druckerei nach 26 Jahren nach Indien ausgelagert wurde. "Wenn ich 20 Dollar verdiene, und die Frau, die neben mir am Band steht, verdient vielleicht 100 Dollar die Stunde - wer glaubt, das ist fair, ist verrückt", sagt Nick.

Die Zeiten haben sich geändert

Rund um die Uhr werden in Lancaster Corn Flakes, Frosties, Rice Crispies und mehr produziert - fast eine Million Pfund Zerealien pro Tag. Die Arbeit an den Hochdruck-Dampfkochern ist schwer und gefährlich, und die Tage sind lang: Zwölf-Stunden-Schichten und mehr sind für die meisten Arbeiter wie Nick normal - weil das Unternehmen laut Tarifvertrag die Schichten kurzfristig um bis zu acht Stunden verlängern darf.

Auch Cheri Wilson steht in ihrer dicken rosa Winterjacke mit vor dem Tor. Seit 35 Jahren arbeitet die 61-jährige Afroamerikanerin für Kellogg's. Die meisten Jahre davon als Packerin in der Nachtschicht; ein Knochenjob. Aber einer der begehrt war: "Wenn Kellogg's früher Stellen ausschrieb, haben sich viele beworben. Beim letzten Mal waren es nur 25."

Der Frust ist groß

Der Arbeitskräftemangel erhöhe den Druck auf die existierende Belegschaft. Und der Frust über die Arbeitsbedingungen sei seit der Pandemie besonders groß, sagt Dave, der schon seit 30 Jahren zu Kellogg's gehört.

"Wir waren stolz darauf, die Leute während der Pandemie mit Zerealien zu versorgen", erzählt er weiter. "Und was haben sie uns da nicht alles genannt: Heldenhaft! Unverzichtbar! Nun könnte man meinen, dass das Management sagt: diese Arbeiter verdienen jetzt echt einen guten Vertrag. Aber: Hier sind wir. Hier sind wir."

Kellogg's ist nur eins von mehr als 170 Unternehmen in den USA, die 2021 schon bestreikt wurden oder werden. Dokumentiert werden die Ausstände seit diesem Jahr im Streikzähler der Cornell-University. Ian Greer ist dort Arbeitsmarktforscher und erzählt, die Arbeitslosenzahlen seien niedrig. Und das heiße, dass es schwerer für Arbeitgeber sei, die Streikenden zu ersetzen. Und deshalb hätten die Arbeiter gerade etwas mehr strukturelle Macht als sonst.

Schuld ist auch die Pandemie

Die Streikziele sind unterschiedlich: Mal geht es um Minderheitenschutz wie bei Netflix, mal um mehr Geld wie beim Traktorhersteller John Deere. Aber das sich ausgerechnet jetzt so viele Arbeiter überhaupt trauen, in den Ausstand zu gehen, sei kein Zufall, sagt Kerry Williams, lokaler Gewerkschaftspräsident und seit neun Jahren bei Kellogg's.

Es geht zurück auf Covid - und dass die Unternehmen immer noch Rekordprofite machen. Die Leute haben es einfach satt, nur zu arbeiten, arbeiten, arbeiten, während die Firmen nur nehmen, nehmen, nehmen.

Die Streiks zeigen Wirkung

Kellogg's weist die Forderungen der Gewerkschaften als unbezahlbar zurück. Aber der Streik beginnt dem Konzern offenbar wehzutun. Um den Produktionsausfall auszugleichen und leere Supermarktregale zu vermeiden, will Kellogg's jetzt Flocken und Co aus den Werken in Mexico und Großbritannien importieren. Aber auch für die Arbeiter ist der Streik schwer. Einige wie Nick haben sich schon einen Teilzeitjob besorgt, um seine Familie weiter ernähren zu können.

"Ich will hier eigentlich nicht weg", erzählt er. "Ich mag den Job, ich mag die Leute. Aber wenn das noch einen Monat geht, dann muss ich mich nach einem neuen Vollzeitjob umsehen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. November 2021 um 13:35 Uhr.