Schmerztabletten liegen vor offenen Röhrchen | AFP

Hoher Schaden für US-Firmen Die teure Sucht der Arbeitnehmer

Stand: 09.10.2021 16:13 Uhr

Die USA gehören zu den Ländern mit den meisten Suchtkranken: Viele Millionen haben ein Alkoholproblem, nehmen regelmäßig Drogen oder Schmerzmittel. Für die US-Firmen ist das ein teures Problem.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Moderatorin Ashley Neil begrüßt ihre Hörer im Podcast von Turning Point, einer Drogenentzugsklinik in Tampa im US-Bundesstaat Florida. Ashley weiß, worüber sie spricht: Schon als Studentin fing sie an, Drogen zu nehmen. Weil es in ihrem Job ganz normal war: Ashley arbeitete in einem Restaurant. "Es gibt so viele Drogen und Alkohol in dieser Branche. Nach meinem Abschluss suchte ich nach einem Job, fand nichts in meinem Fachgebiet und fing dann als Restaurantmanagerin an. Das war wohl das Schlimmste was mir passieren konnte. Denn auf einmal war ich quasi die Managerin dieser Sucht."

Julia Kastein ARD-Studio Washington

 Mehrheit der Suchtkranken hat einen Job

Auch wenn längst nicht alle Suchtkranken ihre Droge direkt am Arbeitsplatz konsumieren können: 70 Prozent der Suchtkranken in den USA lebten eben nicht unter der Brücke, sondern hätten einen Job, erklärt der Therapeut Mark Davis im Turning-Point-Podcast.

Die am häufigsten konsumierte Droge in den USA ist Alkohol - gefolgt von Marihuana, Opioiden, Beruhigungstabletten, Kokain und Aufputschmitteln. Viele Arbeitnehmer seien sehr gut darin, ihre Sucht zu verbergen, so Davis. "Manchmal ist der betroffene Kollege auf dem Titel der Mitarbeiterzeitschrift: als Mitarbeiter des Monats. Ich habe solche Leute behandelt mit einem ernsthaften Abhängigkeitsproblem", erzählt der Therapeut. Die Abhängigkeit habe die Leistung der Betroffenen oft nicht beeinträchtigt - "bis sie auf einmal komplett weg war".

Teures Problem für die Unternehmen

Für die US-Unternehmen ist der Drogenkonsum der Mitarbeiter ein teures Problem: Pro betroffenem Arbeitnehmer liegen die Kosten zwischen 7000 und 25.000 Dollar im Jahr, insgesamt summieren sie sich auf rund 81 Milliarden US-Dollar. Wichtige Faktoren dabei sind die geringere Produktivität der Betroffenen, deren Fehltage, Unfälle und Krankheitskosten - aber auch der Diebstahl vom Arbeitsplatz.

Die Opioid-Krise hat das Problem in den vergangenen Jahrzehnten noch verschärft. In Ohio, wo besonders viele Menschen abhängig sind von Schmerzmedikamenten, ist die Handelskammer deshalb schon vor vier Jahren aktiv geworden: In einer Videobotschaft preist der Kammer-Chef im Kampf gegen die Opioid-Krise einen Onlinekurs für Arbeitgeber an. Gelehrt wird darin unter anderem, in welchen Fällen Drogentests verlangt werden dürfen und ob man einen Mitarbeiter wegen seiner Abhängigkeitsprobleme entlassen kann.

Kostenlose Therapiestunden boomen

Aber auch die mentale Gesundheit der Arbeitnehmer spielt in den meisten größeren US-Unternehmen inzwischen eine größere Rolle: Teil der "Perks", der Sozialleistungen, mit denen neue Mitarbeiter geködert werden, sind beispielsweise kostenlose Therapie-Stunden. Diese sogenannten "Employee Assistance Programs" gibt es schon seit den 1930er-Jahren. Sie wurden erfunden, weil Alkoholismus am Arbeitsplatz damals so verbreitet war.

Jetzt, in der Corona-Pandemie, erlebten sie geradezu einen Boom, sagt Therapeut Davis, der diese Mitarbeiterberatung anbietet. Denn die Corona-Pandemie hat auch das Drogenproblem in den USA massiv verschärft: Im vergangenen Jahr starben mehr als 95.000 Amerikaner an einer Überdosis - mehr denn je.

"Death of Despair", Tod durch Verzweiflung, werden diese Fälle in den USA genannt. Ein Grund für die Verzweiflung war, dass viele Arbeitnehmer ihren Job verloren, erklärt die Neurowissenschaftlerin Julia Chester von der "Purdue University" in Indiana im Videointerview. Für manche, die schon ein Abhängigkeitsproblem hätten, sei ein Jobverlust so "eine gewaltige Störung ihres Lebens, dass ihr Drogenkonsum komplett außer Kontrolle gerät".

Inzwischen hat sich die wirtschaftliche Lage gedreht: Viele US-Unternehmen suchen händeringend Arbeitskräfte. Und weil sie wissen, wie stressig und gefährlich Kundenkontakte in diesen Zeiten sind, haben einige auch reagiert: Die Kaffeehauskette Starbucks beispielsweise hat die Zahl der jährlichen kostenlosen Therapiestunden für ihre Mitarbeiter auf 20 verdoppelt.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Eine Welt" am 05. August 2017 um 13:30 Uhr.

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Moderation 09.10.2021 • 23:43 Uhr

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