Ein Schild, mit dem Mitarbeiter gesucht werden, in einem Pub in Los Angeles | AP

Kündigungen in den USA Viele Amerikaner ziehen die Reißleine

Stand: 18.01.2022 10:29 Uhr

45 Millionen Amerikaner haben 2021 ihren Job gekündigt - so viele wie nie zuvor. Das Thema "Karriere" hat bei vielen durch die Pandemie an Stellenwert verloren. Arbeitgeber haben nun eine Reihe von Problemen.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Tessa Raden hatte ihren Traumjob: Sie war Programm-Managerin in einer Stiftung im Kulturbereich in New York - mit gutem Gehalt, einer Wohnung in Manhattan und jeder Menge Cocktail-Kleidern im Schrank.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Nur konnte die 33-Jährige die schicken Klamotten auf einmal gar nicht mehr tragen - weil ihre Stiftung den Betrieb komplett auf virtuell umlegte. Und Tessa reiste nicht mehr durch die USA, um Schauspielern Jobs im Bildungsbereich zu vermitteln. Sondern sie saß im Homeoffice am Bildschirm fest und versuchte, ihren Kunden, die plötzlich arbeitslos waren, Finanzhilfen für Miete und Essen zu organisieren - und sie zu trösten.

Tessa erzählt: "Ich bin keine Sozialarbeiterin. Was mir an meinem Job so Spaß gemacht hatte, war, mit Menschen direkt zusammenzukommen. Und diesen Teil meines Jobs hatte ich komplett verloren. Und stattdessen musste ich Sachen machen, die emotional sehr schwierig sind."

2021 kündigten so viele Menschen wie nie

Im Sommer zog die 33-Jährige die Reißleine und machte zum ersten Mal in ihrem Leben eine Weile gar nichts. Tessa ist nicht allein: 2021 haben über 45 Millionen Amerikaner ihre Stelle gekündigt - so viele wie nie.

Einige haben sich in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. 2021 gingen mehr als doppelt so viele Menschen in Rente als erwartet.

Scott und Mary Banks aus Georgia beispielsweise: Sie kündigte ihren Job als Immobilienmaklerin, er seinen im Finanzwesen. Sie tauschten ihr Haus gegen ein Wohnmobil und fuhren los. Dank der Pandemie hätten sie erkannt, wie kurz das Leben sein kann, sagt der 57-jährige Scott im Lokalfernsehen: "Wäre es nicht eine Tragödie, wenn man so lange auf die Rente hinlebt, und dann stirbt man an einer schrecklichen Krankheit, bevor es soweit ist?"

Frauen mit Kindern oft keine Wahl

Nicht alle haben sich in der Pandemie wirklich freiwillig aus dem Arbeitsmarkt verabschiedet. Frauen mit Kindern beispielsweise hatten oft keine Wahl, sagt der Arbeitsmarktforscher David Blustein aus Boston. Weil Schulen und Kindergärten auf einmal dicht waren.

Blustein sagt: "Ich glaube, Frauen werden wieder in größerer Zahl zurückkehren, sobald wir die Pandemie besser meistern. Dass so viele Frauen gekündigt haben, ist eher ein temporäres Phänomen, weil sie sich um die Kinder oder ihre Verwandten kümmern mussten."

Kündigungen im Gastgewerbe und Einzelhandel

Inzwischen gibt es Millionen mehr offene Stellen als Leute auf Jobsuche. Und besonders hoch sind die Kündigungsraten im Gastgewerbe und im Einzelhandel - also bei schlecht bezahlten und in der Pandemie besonders gefährlichen Jobs, sagt Blustein.

"Leute geben ihre prekären Jobs auf. Und deshalb steigen jetzt die Löhne. Es ist eine systemische Intervention der Arbeitnehmer. Sie machen ein sehr starkes Statement, dass ihnen die neoliberale Wirtschaftspolitik der vergangenen 40 Jahre geschadet hat."

 "Wir sind nicht unser Job"

Tessa hat inzwischen wieder einen Job, sie mixt Drinks in einem Restaurant - gleich gegenüber. Weil sie da direkt mit Leuten zu tun hat. Und sie überlegt in Ruhe, wie es weitergehen soll: "Leute wie ich verstehen endlich, dass wir einen Job haben und nicht unser Job sind. Und ich glaube, Arbeitgeber fangen an darauf zu achten, dass sie auf die Bedürfnisse ihrer Angestellten mehr Rücksicht nehmen müssen. Ich finde, ich habe wesentlich mehr Verhandlungsspielraum als vor der Pandemie."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. November 2021 um 13:35 Uhr.