Ölbohrstelle in Russland | picture alliance/dpa/TASS
Hintergrund

Weltweite Konjunktur Wie der Krieg auf die Wirtschaft wirkt

Stand: 25.02.2022 18:40 Uhr

Die Rohstoffpreise steigen auf Rekordhöhen, zudem belasten nach wie vor die Pandemie und Lieferengpässe die Konjunktur. Stürzt der Ukraine-Krieg die Weltwirtschaft nun in eine tiefe Krise?

Von Lilli-Marie Hiltscher, tagesschau.de.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der russische Einmarsch in der Ukraine die Erholung der Weltwirtschaft von den Folgen der Corona-Krise bremsen könnte. Trotz der vergleichsweise geringen Wirtschaftsleistung Russlands ist die internationale Ökonomie abhängig von dem autokratisch regierten Staat. "Eine vollständige Isolation Russlands könnte auch den Rest der Welt ökonomisch schwer treffen. Jede Sanktion zum Schaden Russlands ist auch eine Sanktion, die dem Rest der Welt schadet", sagt Klaus-Jürgen Gern, Experte für internationale Entwicklungen im Konjunkturteam des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) im Gespräch mit tagesschau.de.

Lilli Hiltscher

Denn Russland ist zwar nur die elftgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat damit sogar ein geringes Pro-Kop-Einkommen als Italien. Das russische Bruttoinlandsprodukt erreicht gerade mal ein Zehntel des chinesischen. "Russland ist ökonomisch betrachtet ein Entwicklungsland, das vom Export von Rohstoffen lebt", so der Experte vom IfW Kiel. Doch genau das bereitet Ökonomen wie Gern Sorge: "Europa und speziell Deutschland sind extrem abhängig vom russischen Gas. Und die weitere konjunkturelle Entwicklung ist entscheidend von den Gas- und Ölpreisen beeinflusst."

Preise für Erdgas auf Rekordhoch

Das bestätigt auch Thomas Obst, Konjunkturexperte am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW): "Wir beobachten bereits seit längerem einen starken Anstieg der Gaspreise: Vor der Pandemie bewegte sich der Preis pro Megawattstunde zwischen 15 und 20 Euro. Seit der Pandemie, besonders zum Ende 2021, ist er auf mehr als 70 Euro gestiegen."

Diese Entwicklung wurde durch den Ukraine-Krieg noch einmal entscheidend vorangetrieben: Gestern stiegen Preise pro Megawattstunde für niederländische Gas-Futures, die am Title Transfer Facility (TTF) gehandelt werden, zeitweise über 50 Prozent an. Auch die Ölpreise zogen an: Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent stieg auf Höchstwerte von mehr als 100 US-Dollar. Denn nach dem russischen Einmarsch fürchten Anleger einer Verknappung, wenn nicht gar ein Aussetzen der russischen Rohstofflieferungen.

Fehlendes Gas könnte Produktion drosseln

"Geht man vom Extremszenario aus, also dem kompletten Stopp der Gaslieferungen aus Russland, dann wird das bedeuten, dass die Firmen in Europa ihre Produktion verringern müssen", urteilt Klaus-Jürgen Gern vom IfW Kiel. Denn gerade für energieintensive Branchen sind die steigenden Preise ein Problem, sie sind zur Produktion auf Gas angewiesen und müssen im Zweifelsfall die höheren Preise zahlen.

"Diese Preissteigerungen werden früher oder später auch an die Endverbraucher weitergeben und damit die Inflation weiter anheizen", erklärt der Experte vom IW. Schon jetzt ist die Inflation auf einem Rekordhoch, weitere Steigerungen werden die Kaufkraft der Verbraucher zusätzlich schwächen. Ein Ende der Preisspirale ist vorerst nicht in Sicht. Das gefährdet den konjunkturellen Aufschwung, der sich nach dem Winter mit dem sich abzeichnenden Ende der Omikron-Welle zunächst andeutete. Denn die Auftragsbücher der Industrieunternehmen sind voll, sollten sich die Lieferketten entspannen, könnte die Produktion auf Hochtouren laufen.

Notenbanken könnten Zinsen früher als geplant anheben

In der Folge der steigenden Inflation könnten auch die Notenbanken gezwungen werden, früher als geplant einzugreifen. "Am 10. März ist EZB-Sitzung. Ich bin sehr gespannt, wie die Währungshüter auf die neuen Entwicklungen reagieren werden und ob sie Zinssteigerungen beschließen. Der Ukraine Konflikt stellt sie vor die jetzt noch größere Herausforderung zwischen gedämpften Konjunktur und gleichzeitig höheren Inflationserwartungen", so Obst.

Die US-Notenbank Federal Reserve reagierte bereits und kündigte an, die aktuellen Entwicklungen in die kommenden Zinsentscheidungen mit einzubeziehen: Die Auswirkungen des russischen Angriffs auf den mittelfristigen Wirtschaftsausblick der USA würden zur Bestimmung der angemessenen Geschwindigkeit der Zinserhöhungen auch berücksichtigt, sagte die Chefin des Fed-Bezirks Cleveland, Loretta Mester. Auch in den USA gehen viele davon aus, dass sich infolge der Ereignisse in der Ukraine die Inflation verschlimmern und dem Wirtschaftswachstum kurzfristig schaden könnte.

Chinas Reaktion bleibt abzuwarten

Denn neben Europa ist auch die USA von russischen Rohstoffen abhängig: "Die USA importieren in großem Maß russisches Öl", erklärt der IfW-Experte Gern. Zwar habe das Land eine strategische Ölreserve, erklärt Thomas Obst vom IW: "Außerdem könnten die USA auch die Förderung mit Fracking weiter hochfahren. Allerdings lässt sich nur schwer beurteilen, ob sie damit potenziell ausbleibende russische Exporte nach Deutschland kompensieren könnten."

Für die Entwicklung der Weltwirtschaft spielt nach Ansicht der Experten zudem die Positionierung Chinas eine entscheidende Rolle: "Bislang hält sich China auffällig deutlich zurück. Allerdings hat China eigentlich keine überzeugenden ökonomischen Interessen, sich an die Seite Russlands zu stellen", urteilt Obst. Dem pflichtet auch Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg, bei: "China nimmt Russland als Partner nicht ernst. Die beiden Staaten sind einfach zu ungleich." Der Außenhandel mit Europa und den USA sei für die Volksrepublik viel bedeutender als der Handel mit Russland. "Und dass China die ökonomischen Konsequenzen eines Schulterschlusses mit Russland tragen will, halte ich für sehr unwahrscheinlich", so Obst.

Null-Covid bereitet Probleme

Zudem habe China durch seine Null-Covid-Strategie ohnehin mit weitreichenderen Problemen zu kämpfen, sagt Obst: "Ob sich die Schließung des öffentlichen Lebens bei jedem Corona-Ausbruch angesichts der Omikron-Welle weiter so durchsetzen lässt, halte ich für unwahrscheinlich."

Ohnehin gehen die Experten davon aus, dass der Ukraine-Konflikt wirtschaftlich nicht dieselben Auswirkungen haben wird die Corona-Pandemie: "Die Folgen der Null-Covid-Strategie, die mit geschlossenen Häfen und Lieferengpässen einhergeht, sind für die Weltwirtschaft bedeutsam", urteilt Thomas Obst. Dem pflichtet auch der IfW-Experte Gern bei: "Vermutlich werden wir eine längere Phase der Unsicherheit erleben und auch eine erneut verstärkte Abkehr von der Globalisierung, weil Krisen wie diese die Verletzlichkeit des Wirtschaftssystems offenlegen."

Ukraine-Krieg könnte nur ein kurzer Einschnitt sein

Moritz Kraemer geht in seinem Urteil sogar noch weiter: "Der Ukraine-Krieg wird nur ein kurzer Einschnitt in der Erholung der Weltwirtschaft von der Corona-Krise und den Lieferengpässen sein. Aber es wird keine langfristigen Folgen geben." Denn Russland sei insgesamt wirtschaftlich einfach zu unbedeutend: "Bereits seit der Krim-Krise haben sich deutsche Firmen immer mehr aus Russland zurückgezogen, die Direktinvestitionen sind gering und die Exporte aus Deutschland nach Russland machen nur einen sehr geringen Teil der Wirtschaftsleistung aus."

Er sieht im Agieren des Westens das Problem, dass man zu zaghaft mit Russland umgehe: "Der Westen sollte mit weitreichenden Sanktionen auf die aktuelle Politik Russlands reagieren. Die wirtschaftlichen Folgen stehen in keiner Relation zu den politischen, sollten sich andere Staaten durch die zaghafte Anwendung von Sanktion ermuntert fühlen, es Russland gleichzutun." Dabei verweist er auf das Beispiel Taiwan: "Sollte sich China Taiwan kriegerisch einverleiben, würde das die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise stürzen, auch weil Taiwan einen enormen Weltmarktanteil bei der Herstellung von Halbleitern hat. Die zurückhaltenden Sanktionen gegen Russland dürften Chinas Wunsch nach Annexion Taiwans nicht gerade reduzieren."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 24. Februar 2022 um 22:15 Uhr.