Lkw-Fahrer in Großbritannien | REUTERS

Johnsons Reformkurs Den Briten drohen weitere Engpässe

Stand: 08.10.2021 09:45 Uhr

Wie stehen die Chancen für den von Boris Johnson angekündigten Wandel der britischen Wirtschaft? Nicht nur die Deutsch-Britische Industrie- und Handelskammer (AHK) ist kritisch und warnt vor weiteren Engpässen.

Britische Verbraucher müssen sich nach Ansicht des Chefs der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer (AHK), Ulrich Hoppe, auf gelegentliche weitere Engpässe einstellen. "Es wird holpriger werden. Man wird gewisse Abstriche in der Servicequalität und zeitlichen Zuverlässigkeit machen. Das wird man sicherlich dann spüren", sagte Hoppe zur Weigerung der Regierung in London, den akuten Fachkräftemangel im Land mit längerfristigen Lockerungen bei den seit dem Brexit verschärften Einwanderungsregeln zu bekämpfen.

Höhere Löhne, höhere Produktivität?

Der britische Premierminister Boris Johnson hatte vor einigen Tagen beim Parteitag der Tories zu einen umfassenden Reformkurs zur Stärkung der heimischen Wirtschaft aufgerufen. Statt sich auf günstige Arbeitskräfte aus dem Ausland zu stützen, sollten Unternehmen im Land bessere Gehälter zahlen und so mehr Briten in Lohn und Brot bringen, so die Forderung Johnsons.

Der Premierminister verbreitete trotz der derzeitigen Versorgungskrise Zuversicht: Seine Regierung habe einen "lange überfälligen Kurswechsel" eingeleitet, der langfristig zu einem Aufschwung mit "hohen Löhnen" und "hoher Produktivität" führen werde. Hoppe hält die Strategie Johnsons nicht für plausibel: "Das wird im großen Rahmen kurzfristig nicht funktionieren und birgt eher Inflationsgefahren", kommentierte der AHK-Fachmann.

"Eine Generationenaufgabe"

Die Produktivität der britischen Wirtschaft zu erhöhen, sei schon seit vielen Jahrzehnten Ziel verschiedener Regierungen gewesen, führt Hoppe aus. Dafür brauche es aber einen langfristigen Plan zur Reform der Berufsausbildungen. Und das sei eine Generationenaufgabe. "Das wird nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre aufgehen."

Auch die Idee, dass arbeitssuchende Briten die Lücken füllen könnten, die von nach Osteuropa zurückgekehrten Arbeitnehmern im Niedriglohnsektor hinterlassen wurden, hält der AHK-Chef aufgrund der niedrigen Arbeitslosigkeit für nicht tragfähig.

"Kein endloser Schwamm"

Auch aus der Wirtschaft wurde Kritik geäußert. Sie werde als Buhmann dargestellt, aber das Problem sei viel größer, sagte Richard Walker, Chef der Supermarktkette Iceland, der "Times". "Wir wollen unseren Leuten so viel zahlen wie möglich, aber Unternehmen sind kein endloser Schwamm, der unendlich viele Kosten aufsaugen kann. Wir werden höhere Energiepreise haben, weitere Lkw-Fahrer, weitere Verpackungskosten." Dies sei nicht alles auf einmal zu stemmen. Insbesondere viele kleinere Unternehmen seien gefährdet.

Ein Vertreter der Federation of Small Businesses, die die kleineren britischen Unternehmen als Verband vertritt, erklärte im Sender Times Radio, man fühle sich von der Konservativen Partei nicht mehr berücksichtigt. Derzeit sei die oppositionelle Labour-Partei die einzige mit konkreten Angeboten für kleine Unternehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 04. Oktober 2021 um 12:44 Uhr.