House of Parliament und Big Ben | picture alliance / Zoonar

Bonitätsprüfung Ratingagenturen warnen Großbritannien

Stand: 06.10.2022 12:45 Uhr

Trotz der Kehrtwende der britischen Regierung bei der Steuerpolitik warnt jetzt auch die Ratingagentur Fitch vor einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit. Die Folgen für Großbritannien wären unangenehm.  

Die Ratingagentur Fitch hat den Ausblick für die Kreditwürdigkeit Großbritanniens von zuvor "stabil" auf "negativ" gesenkt. Die Bewertung der langfristigen Fremdwährungsanleihen bleibe zunächst bei "AA-", teilten die Bonitätswächter am Mittwochabend mit.

Damit droht dem Vereinigten Königreich eine Herabstufung der Bonität in näherer Zukunft. Das würde bedeuten, dass Fitch das Risiko eines Kreditausfalls höher bewertet. Die Folge davon wäre, dass Großbritannien an den Finanzmärkten höhere Zinssätze zahlen muss, um sich Geld zu leihen. Denn ihr höheres Ausfallrisiko lassen sich die Akteure an den Finanzmärkten wie Banken, institutionelle Investoren, Fonds und auch private Investoren mit höheren Zinsen vergüten.

Auch die anderen beiden großen Ratingagenturen S&P und Moody‘s hatten sich in den vergangenen Tagen kritisch zum ökonomischen Kurs der Regierung geäußert. S&P hatte ebenfalls eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit in Aussicht gestellt.    

Kwasi Karteng rudert zurück

Wenige Stunden vor der Fitch-Entscheidung hatte die auch parteiintern stark unter Druck geratene Premierministerin Liz Truss ihren finanzpolitischen Kurs bei einer Rede auf dem Parteitag der konservativen Tories in Birmingham verteidigt. Ziel sei wirtschaftliches "Wachstum, Wachstum, Wachstum".

Der neue britische Finanzminister Kwasi Kwarteng hatte bereits zuvor die Abschaffung des höchsten Einkommenssteuersatzes von 45 Prozent gekippt. Besonders dieser Punkt hatte in der eigenen Partei zu heftiger Kritik geführt.

Noch keine Rezession

Großbritannien leidet derzeit unter der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten und einer hohen Inflation. Die Strom- und Gaspreise für die Verbraucher werden im Oktober vermutlich um 80 Prozent steigen, viele Firmen stehen wegen der hohen Energiekosten vor dem Aus.

An einer Rezession ist das Land zuletzt knapp vorbeigeschrammt: Die Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal laut nationalem Statistikamt um 0,2 Prozent. Es war zuvor von einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,1 Prozent in diesem Zeitraum ausgegangen.

Das gesamte Steuersenkungspaket hatte an den Finanzmärkten für Turbulenzen gesorgt: So war das britische Pfund war gegenüber dem Dollar auf einen historischen Tiefstand gefallen, und auch der Anleihemarkt geriet ins Trudeln. Aufgrund der Turbulenzen sah sich die britische Notenbank gezwungen, am heimischen Anleihemarkt einzugreifen. Seither kauft sie wieder Staatspapiere.

Schuldenanstieg wird erwartet

Überzeugt hat Truss die Ratingagentur nicht, denn zur Begründung führte Fitch weiterhin die Finanzpolitik der Regierung in London an: "Das große und nicht gegenfinanzierte Finanzpaket, das als Teil des Wachstumsplans der neuen Regierung angekündigt wurde, könnte mittelfristig zu einem bedeutenden Anstieg des Defizits führen."

Fitch begründete den Schritt auch damit, der Handlungsspielraum der neuen Premierministerin könne durch die rückläufige Beliebtheit ihrer Konservativen Partei, den Folgen der Teuerungskrise und andere Faktoren eingeschränkt werden.

Britisches Pfund erholt sich

Auch Investoren und Marktexperten blieben weiterhin skeptisch. Die Ratingagentur  S&P hält an ihrer kritischen Einschätzung fest: Die Kehrtwende habe keinen wesentlichen Einfluss auf die materiellen Gründe der Entscheidung, für das AA-Kreditrating Großbritanniens eine Herabstufungswarnung auszusprechen.

Jane Foley, Finanzmarktexpertin bei Rabobank, sagte, es sei erst erkennbar, ob die Regierung ausreichend unternommen habe, wenn die Intervention der britischen Notenbank am 14. Oktober ende. Britische Vermögenswerte, das Pfund und Staatsanleihen seien noch nicht über dem Berg, sagte sie. An den Finanzmärkten hat sich das britische Pfund aber mittlerweile von seinen Tiefständen erholt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Oktober 2022 um 12:50 Uhr in der Sendung "Internationale Presseschau".