Türkische Lira | picture alliance / AA

Wirtschaftskrise in der Türkei Der Ukraine-Krieg als Rechtfertigung?

Stand: 17.03.2022 08:19 Uhr

Der Ukraine-Krieg trifft die türkische Wirtschaft besonders hart. Das liegt vor allem an der Abhängigkeit von Russland und dem Währungsverfall der Lira. Für Präsident Erdogan könnte das zu einem ernsten Problem werden.

Von Jannik Pentz, ARD-Studio Istanbul

Noch sieht man in Istanbul ein paar Touristen aus Russland. Etwa 4,5 Millionen kamen im vergangenen Jahr in die Türkei - so viele wie aus keinem anderen Land. Doch wegen des Kriegs in der Ukraine werden es bald wohl deutlich weniger. "Die Russen halten unser Land am Leben. Sie füllen unsere Hotels. Wenn die nicht kommen, geht es den Menschen schlecht", sagt Ismail Orhan, der in Istanbul ein Restaurant betreibt.

Jannik Pentz

Tourismus und Landwirtschaft besonders betroffen

Der Krieg in der Ukraine hat auch für die Türkei dramatische Folgen, denn die heimische Wirtschaft ist stark von Russland abhängig, nicht nur im Tourismus. Vor allem bei der Energieversorgung ist Ankara auf Moskau angewiesen. Rund 40 Prozent des Erdgas- und 25 Prozent des Ölbedarfs importieren die Türken aus Russland. Ein Geschäft, das inzwischen kaum noch bezahlbar ist. Allein für das russische Gas erwartet die türkische Regierung in diesem Jahr Kosten in Höhe von etwa 40 Milliarden US-Dollar - etwa doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

Auch bei landwirtschaftlichen Produkten zählt die Türkei bislang auf Russland: Das Land ist mit großem Abstand der wichtigste Weizenlieferant. 2021 kamen 70 Prozent der türkischen Getreideimporte von dort. Dass Russland nun die Ausfuhr von Getreide einschränken will, könnte für viele Türken dramatische Folgen haben. Wegen der großen Abhängigkeit im Tourismus, bei Energie und Lebensmitteln ist es kaum verwunderlich, dass die Türkei bislang als einziges NATO-Land keine Sanktionen gegen Russland verhängt hat.

Inoffizielle Inflationsrate bei fast 125 Prozent

Die eigene Wirtschaft befindet sich ohnehin in einer historischen Krise. Die türkische Lira hat in den vergangenen zwölf Monaten knapp 50 Prozent ihres Werts verloren. Allein seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs rutschte die Währung über fünf Prozent ab. Die Schwäche der Lira heizt auch die Inflation in der Türkei immer weiter an. Offiziell lag sie im Februar bei 54,4 Prozent, so hoch wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Das unabhängige Institut ENAG geht sogar von 124,8 Prozent Inflation aus.

Die Folgen sind dramatisch. Immer mehr Türken können sich das normale Leben kaum noch leisten. Laut einem Bericht des türkischen Sozialministeriums sind inzwischen mehr als elf Millionen Menschen in der Türkei auf staatliche Hilfe angewiesen, also etwa 13 Prozent der Bevölkerung.

Wird die Bevölkerung Erdogan glauben?

Die türkische Regierung versucht die Wirtschaftskrise seit vergangenem Herbst mit mehreren Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Die Notenbank setzt vor allem auf einen niedrigen Leitzins; eine Taktik, die Präsident Recep Tayyip Erdogan immer wieder angemahnt hatte, die aber nach nahezu einhelliger Meinung von Ökonomen kontraproduktiv ist. Eigentlich wären höhere Zinsen für ein Gegensteuern notwendig.

"Erdogan wird die steigende Inflation, das Handelsdefizit, die stagnierende Wirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit nun immer mit dem Krieg in Verbindung bringen", sagt der Ökonom Mustafa Sönmez. "Dabei haben die Probleme schon lange vor dem Krieg angefangen. Wie sehr das Volk diesen Argumenten Verständnis entgegenbringt, bleibt zu bezweifeln." Für Erdogan könnte die heimische Wirtschaftskrise bald zu einem ernsten Problem werden. 2023 wird in der Türkei gewählt. Der Zustand der Wirtschaft dürfte dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. März 2022 um 05:50 Uhr.