Strandliegen und Sonnenschirme stehen am menschenleeren Strand an einer Hotelanlage in Antalya. | dpa

Tourismus in der Türkei Warten auf die Gäste

Stand: 26.05.2021 10:12 Uhr

Tourismus ist für die Türkei eine wichtige Branche. Viele Beschäftigte warten darauf, dass sie wieder arbeiten dürfen. Aber wann werden die Urlauber aus Deutschland zurückkehren?

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

"Augen zu und durch" war auch in der Türkei das Motto für die verkorkste Tourismus-Saison 2020. Aber jetzt sieht es so aus, als würde auch die neue Saison wegen Corona nicht besser. Ukrainer, Tschechen und Iraner kommen zwar an die Strände Antalyas und anderer Städte, aber ob die ersehnten deutschen Urlauber zurückkehren, ist eher fraglich. Das ist vor allem für die hart, die sich auf die Deutschen spezialisiert haben.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

"Die Menschen verschieben ihre Träume"

Yüksel und Cihangir sitzen bei Hüseyin in der Gartenlaube hinterm Haus. Die drei Freunde aus Antalya, alle Anfang bis Mitte 50, sind Tourguides. Yüksel führt mit seinem eigenen Unternehmen Caria Pan Skitouren auf den Berg Ararat und Wanderungen auf dem Lykischen Weg über dem türkisblauen Mittelmeer. 2015 machte er damit rund 1,5 Millionen Euro Umsatz.

Letzte Saison schrumpfte das zusammen auf 10.000 Euro. Er hänge total in der Luft, erzählt er: "Wir hatten jetzt vor Kurzem eine russische Gruppe, die auf Herbst verschoben hat. Ja, so läuft das momentan: mit Verschieben, verschieben. Weil: Die Leute verschieben auch ihre Träume."

Zeit für neue Hobbys, aber Arbeit wäre besser

Yüksel hat Personal abgespeckt, sein Büro gekündigt und sein teures Auto verkauft. Jetzt frischt er seine Webseiten auf und arbeitet an neuen Strecken. Langweilig wird ihm nicht: "Ich hab in dieser Pandemiezeit Gitarre spielen gelernt. Ich hab mir sogar vorgestellt, dass ich in Antalya irgendwo auf der Straße stehe und Musik mache."

Sein Kollege Cihangir schaut ihn etwas erstaunt an. "Ja, davon weißt du nichts", sagt Yüksel lachend. Doch die beiden denken immer wieder über Alternativen zum Geldverdienen nach. Eine Metzgerei war im Gespräch und eine Würstchenbude, und sie versuchen sich als Winzer.

Keine Unterstützung für die Schlüsselbranche

Die Unterstützung vom Staat findet Cihangir dabei wenig hilfreich: "Es gab ja sogar - was zum Lachen war - einen Hauskredit, den du bekommen hast von Erdogan, dass du dir eine neue Wohnung kaufen kannst mit einem Null-Zins-Kredit." Aber ihre touristische Firma habe null Unterstützung bekommen: "Wir mussten sogar alle Steuern, alles ganz normal bezahlen, ohne irgend eine Ermäßigung." Einzelne Gruppen hatten sie dieses Jahr tatsächlich schon, trotz Corona.

Bei Hüseyin sieht es dagegen richtig düster aus: Letztes Jahr zu Beginn der Pandemie hat er seine letzte Wandergruppe geführt. Seitdem habe er als Tourguide nichts mehr verdient, erzählt der Vater von drei Kindern. Er habe mit über 50 Jahren Unterstützung von seinen Eltern annehmen müssen, was nicht leicht zu verdauen gewesen sei. "Wir sind hier in einem Engpass, und letztendlich habe ich die Lösung gefunden, bei einem Callcenter zu arbeiten."

Das Problem ist nicht nur Corona

Man merkt, das macht Hüseyin keinen Spaß. Er liebt seinen Job draußen in der Natur und erinnert sich an eine seiner letzten archäologischen Touren: "Wir haben ein Terrain besucht, wo noch keine Ausgrabungen durchgeführt worden sind. Als wären die Steinzeitmenschen gestern dort gewesen. Und du bist dann an diesem Ort und findest dann überall Pfeilspitzen und all diese Werkzeuge aus der Steinzeit." Das sei für ihn und seine Gäste ein besonderes Erlebnis gewesen.

Beim Unternehmen Caria Pan kamen in den besten Zeiten 80 Prozent der Kunden aus dem deutschsprachigen Raum. Aber die täten sich gerade besonders schwer mit einem Urlaub in der Türkei - und zwar nicht nur wegen Corona, so die Erfahrung von Cihangir: "Corona wird irgendwann vorbeigehen, aber wir wissen nicht, ob Erdogan jetzt bleibt oder geht. Unser Problem mit deutschen, Schweizer und österreichischen Gästen ist eher Erdogan."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 18. Mai 2021 um 16:07 Uhr.