Textilverkauf in Istanbul | AFP

Inflation in der Türkei Textilindustrie vor dem Kollaps

Stand: 12.02.2022 16:05 Uhr

In Babadağ, der Wiege der türkischen Textilindustrie, stehen die Maschinen still. Der Grund: Die Unternehmen können die stark gestiegenen Stromkosten nicht mehr zahlen.

Von Markus Rosch, ARD-Studio Istanbul

Die Textilgeschichte der Türkei reicht weit zurück, bis in die Zeiten des Osmanischen Reiches. Vor allem als Produzenten haben sich die Türken seitdem einen Namen gemacht, etwa zehn Prozent beträgt der Anteil dieses Industriezweiges an der türkischen Wirtschaft. Etwa acht Prozent der türkischen Beschäftigten arbeiten in der Textilindustrie. Trotz der starken Konkurrenz aus dem asiatischen Raum ist der Sektor ein wichtiger Faktor für die türkische Wirtschaft.

Babadağ ist eine kleine Stadt in der türkischen Provinz Denizli im westlichen Kleinasien, etwa 7000 Menschen wohnen hier. Seit Jahrhunderten lebt man hier von der Textilindustrie. Babadağ gilt als Symbol, als Ursprung der türkischen Textilindustrie, auch wenn es mittlerweile größere Produktionsstandorte gibt. Im Laufe der Jahrhunderte hat man sich immer weiter spezialisiert: Nicht die Massenproduktion steht im Vordergrund, sondern Spezialanfertigungen. Vor allem für die sehr beliebte und wichtige Hochzeitsbekleidung ist die Stadt berühmt. Auch die großen Studios in Hollywood haben ihre Kostüme hier bestellt.

Inflation, Kaufkraftverlust, Arbeitslosigkeit

Doch nun stehen die etwa 4000 Webstühle still. Schuld sind die stark steigenden Stromkosten - und eine Inflationsrate von knapp 50 Prozent. Viele Unternehmen können die Rechnungen nicht mehr zahlen, müssen die Produktion vorerst einstellen. Das hat gravierende Folgen für die Beschäftigten: Sie müssen oft ohne Lohn zu Hause bleiben. Bei gleichzeitig gestiegenen Lebenskosten, da das Geld weniger wert ist.

Şahin Çetin ist seit 25 Jahren Textilunternehmer. Er hat einen kleinen Betrieb mit 20 Webmaschinen und drei Mitarbeitern. In dieser Woche erhielt er seine Stromrechnung. Ein Schock für ihn: 127 Prozent mehr als im letzten Monat. Er hat seine Maschinen gestoppt und die Mitarbeiter nach Hause geschickt. Wie es weitergeht, weiß Çetin nicht. Er denkt nun darüber nach, seine Preise zu erhöhen. Das könnte aber die Kunden verschrecken - ein Teufelskreis.

Nicht nur wirtschaftlich ist das eine Katastrophe. Mit Sorge betrachten die Menschen hier die steigende Arbeitslosigkeit. Gerade hat das staatliche Türkische Statistische Institut (TÜIK) die Zahlen veröffentlicht: 11,2 Prozent Arbeitslosigkeit. Die Dunkelziffer könnte höher sein.

Nie da gewesene Energiekrise

Die Türkei steckt mitten in einer Energiekrise. Die Gasknappheit wird zunehmend zum Problem. Der wichtige Importeur Iran liefert mal mehr, mal weniger, mal gar nichts. Die Folge sind Produktionsstopps und Stromausfälle in der Industrie. Und wenn Strom da ist, wird es teuer. Die galoppierende Inflation verteuert alles und lässt auch die Energierechnungen in die Höhe schnellen.

Erstmals erlebt man in der Türkei so umfangreiche Störungen im Energie- und Gasmarkt. In der türkischen Industrie wächst deshalb die Sorge vor weiteren Lieferunterbrechungen oder Ausfällen. So könnte der Ruf der Türkei als vertrauenswürdiger Produktionsstandort leiden, befürchten viele Unternehmer. Angesichts des Verfalls der Währung und einer von Präsident Recep Tayyip Erdoğan verfolgten unorthodoxen Geldpolitik mit Zinssenkungen zur Bekämpfung der Inflation steht das Land sowieso schon im Fokus des internationalen Interesses.

Wahlen stehen vor der Tür

Im nächsten Jahr stehen in der Türkei wichtige Wahlen an. Präsident Erdoğan will wiedergewählt werden. Eine schwächelnde Wirtschaft kann er sich da nicht leisten. Deshalb muss er die Wirtschaftskrise schnell beenden - angesichts der Rahmenbedingungen eine schwierige Aufgabe. Die türkische Notenbank erwartet, dass im Mai mit 55 Prozent die Inflation den Höhepunkt erreichen könnte.

Textilunternehmer Çetin und die Menschen in der Textilstadt Babadağ jedenfalls hoffen, dass bald ihre Maschinen wieder laufen und sie zur Arbeit zurückkehren können. Ein weiterer Anstieg der Energiekosten könnte das verhindern und ein Ende der Textilindustrie vor Ort bedeuten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 07. Juni 2021 um 18:30 Uhr.