Ein Mann läuft an einer Anzeigetafel mit den Wechselkursen ausländischer Währungen vorbei. | dpa

Verfall der türkischen Währung Experten warnen vor Risiken der Lira-Krise

Stand: 26.11.2021 12:43 Uhr

Die türkische Lira fällt von einem Rekordtief zum nächsten - was zunehmend für Unruhe auch in der Euro-Zone sorgt. Könnte die Währungskrise zur Gefahr für Europas Banken werden?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Mehrere Ökonomen und Anlagestrategen zeigen sich zunehmend beunruhigt über die Währungskrise in der Türkei. Denn viele türkische Unternehmen haben Kredite in Dollar oder Euro aufgenommen. Je tiefer die Lira fällt, desto größer werden die Schulden, die die türkischen Firmen bedienen müssen. Droht vom Bosporus ein größeres Finanzmarkt-Beben auszugehen?

Fremdwährungsschulden von über 500 Milliarden Dollar

Laut Christian Kreiß, Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre, hat die Türkei derzeit Fremdwährungs-Schulden in Höhe von 576 Milliarden Dollar. Fast die Hälfte davon entfällt auf türkische Unternehmen. Ihre Fremdwährungs-Verbindlichkeiten liegen bei 240 Milliarden Dollar - was fast 34 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht.

Die türkische Lira ist seit Jahresbeginn um mehr als 40 Prozent abgesackt. Ein Dollar kostet inzwischen rund 13 Lira - so viel wie nie. Mitte September lag der Kurs noch bei 8,50 Lira. Das heißt: Für die türkischen Unternehmen ist es zuletzt deutlich teurer geworden, ihre Schulden zu bedienen.

Firmen können Kredite schwerer zurückzahlen

"Die Währungsschwäche lässt die Fremdwährungs-Verbindlichkeiten in Lira in die Höhe klettern", so der Chefökonom der VP Bank, Thomas Gitzel. Die Lira-Abwertung dürfte es vielen Unternehmen erschweren, ihre in Devisen aufgenommenen Kredite zurückzuzahlen, warnt er.

Manche Firmen könnten in Liquiditätsprobleme geraten und womöglich in die Pleite rutschen. Die Folge wären Kreditausfälle. Das würde dann die Banken treffen.

Ansteckungsgefahr für Europas Banken?

Experten befürchten, dass die Währungskrise am Bosporus die Bankenwelt in Europa anstecken könnte. Tatsächlich sind große europäische Geldinstitute in der Türkei stark vertreten. Laut Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hatten Banken 2018 weltweit 224 Milliarden Dollar der Türkei geliehen.

Besonders spanische Geldhäuser sind stark involviert. Sie hatten laut früheren Zahlen der BIZ über 80 Milliarden Dollar Türkei-Kredite in ihren Büchern. Auch französische Banken haben Milliarden im Feuer. Bei ihnen stehen gut 35 Milliarden Dollar auf dem Spiel. Deutsche Geldinstitute sind mit knapp 13 Milliarden Dollar weniger stark vom Türkei-Geschäft abhängig.

Warnungen von Fondsmanagern

Würden Fremdwährungs-Kredite ausfallen, hätten Europas Banken ein Problem. Frank Fischer, Vorstandschef und Fondsmanager von Shareholder Value Management, befürchtet sogar, dass die Türkei-Krise dann zu einer neuen europäischen Bankenkrise führen könnte. Im sogenannten High-Yield-Bereich gebe es bei türkischen Anleihen schon erste Anzeichen für eine Krise. Die Kosten für Kreditausfall-Versicherungen sind zuletzt massiv gestiegen.

Es sei gut möglich, dass türkische Finanzprobleme eine Erschütterung an den Bond-Märkten nach sich ziehen und möglicherweise eine Kettenreaktion auslösen, befürchtet auch Experte Kreiß. Er sieht gar Parallelen zur Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008, die zur weltweiten Finanzkrise führte.

"Die Zeichen stehen auf Sturm"

Lehman hatte kurz vor seinem Zusammenbruch Schulden von 613 Milliarden Dollar. "Dieser Betrag hat ausgereicht, um eine Weltfinanzkrise auszulösen." Die Fremdwährungs-Schulden der Türkei hätten eine ähnliche Größenordnung, so Kreiß. "Die Zeichen stehen auf Sturm, möglicherweise einen perfekten Sturm."

Andere Ökonomen halten die Lage für nicht so dramatisch. "Natürlich hätte eine ausgewachsene Bankenkrise in der Türkei negative Auswirklungen auf das Bankensystem der Eurozone", urteilten die Volkswirte der Berenberg-Bank bereits vor drei Jahren. Die Gefahren für die Eurozone seien jedoch begrenzt.

Ein Präsident als Notenbanker

Der Lackmustest könnte bald schon bevorstehen: Laut der Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg müssen türkische Unternehmen und die Regierung in den nächsten zwei Monaten 13 Milliarden Dollar an Auslandsschulden zurückzahlen. Über die Hälfte, nämlich acht Milliarden Dollar, sind bereits im November fällig.

Vor allem Zinserhöhungen könnten den Lira-Verfall stoppen, sind Ökonomen und Investoren überzeugt. Sie kritisieren seit langem die Zinssenkungen der türkischen Notenbank, die auf Druck von Präsident Recep Tayyip Erdogan zustande kamen. Der Markt habe inzwischen erkannt, dass Erdogan alle geldpolitischen Entscheidungen falle, sagt Commerzbank-Analyst Tatha Ghose. Es spiele keine Rolle, was die Zentralbank kurzfristig unternehme, solange der Präsident bei der Geldpolitik ständig mitbestimme. Für Fondsmanager Fischer steht schon lange fest: "Erdogan ist der schlechteste Notenbanker der Welt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. November 2021 um 17:22 Uhr.