Recep Tayyip Erdogan | AP

Mitten im Lockdown Türkische Inflation steigt ungebremst

Stand: 03.05.2021 15:10 Uhr

In der Türkei legt die Inflation zum siebten Mal in Folge zu und erreicht den höchsten Stand seit fast zwei Jahren. Rutscht das Land mitten im neuen Corona-Lockdown immer tiefer in eine ökonomische Krise?

Die Inflation in der Türkei zieht weiter an. Die Verbraucherpreise lagen im April 1,68 Prozent über denen vom Vormonat, teilte das türkische Statistikamt mit. Im Jahresvergleich stiegen die Verbraucherpreise um 17,14 Prozent. Im März hatte die Inflationsrate noch bei 16,19 gelegen. Höher als im April 2020 hatte die Inflationsrate zuletzt im Mai 2019 gelegen.

Die Inflationsrate entfernt sich damit immer weiter vom angepeilten Inflationsziel von fünf Prozent. Wie die Daten des Statistikamts zeigen, lag die Teuerungsrate zuletzt im April 2016 mit 6,57 Prozent einigermaßen auf diesem Niveau.

"Glaubwürdigkeit ruiniert"

Erst vor wenigen Tagen hatte der im März von Präsident Tayyip Erdogan neu installierte Notenbankchef Sahap Kavcioglu die Inflationsprognose für das Jahresende von 9,4 auf 12,2 Prozent erhöht. Im April würde die Inflation einen Höhepunkt erreichen, so Kavcioglu. Der Währungshüter hatte vor einigen Wochen Naci Agbal ersetzt, der den türkischen Leitzins von 17 auf 19 Prozent angehoben hatte. Dort liegt er auch aktuell noch. Der neue Notenbankchef hatte jüngst angekündigt, den Leitzins oberhalb der Inflationsrate zu belassen.  

Erdogan ist ein erklärter Gegner von hohen Leitzinsen zum Zwecke der Inflationsbekämpfung und lehnt Zinserhöhungen ab. Unter Ökonomen gilt als herrschende Meinung, dass das durch Zinserhöhungen verteuerte Geld die Nachfrage nach Krediten dämpfen könne. Das dämme im Ergebnis die Inflation ein. Der Nachteil: Es wirkt auch dämpfend auf die Konjunktur.

Mit seinem "De-facto-Verbot nachhaltig hoher Zinsen" habe Erdogan die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik ruiniert, warnte Tatha Ghose, Devisenmarkt-Experte der Commerzbank. In zwei Jahren hatte der türkische Präsident drei Zentralbank-Gouverneure ausgetauscht.  

Hohe Rohstoffkosten  

Seit dem jüngsten Wechsel an der Spitze der Notenbank hat die Landeswährung Lira rund 13 Prozent an Wert eingebüßt, was einer der Gründe für die steigende Inflation ist. Der Rutsch der Lira trieb die Importkosten für die Türkei deutlich nach oben, die auf die Einfuhr von Rohstoffen aus dem Ausland angewiesen ist.

Experten hatten wegen des erzwungenen Führungswechsels bei der Notenbank einen Anstieg der Inflation vorhergesagt. Neben der hohen Inflation und der schwachen Lira hat die Türkei auch mit dem Problem einer hohen Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen, die aktuell bei fast 27 Prozent liegt.

Die Tourismus-Saison im Blick  

Der seit einigen Tagen verhängte Lockdown könnte die wirtschaftliche Lage zumindest kurzfristig weiter verschärfen. Erdogan plant aber, die Infektionszahlen vor Beginn der diesjährigen Tourismus-Saison so weit wie möglich zu drücken, um den für die türkische Wirtschaft so wichtigen Sektor zu stützen.

Die Maßnahmen zielten darauf ab, mit einer kurzfristigen Belastung der Wirtschaft mittelfristig eine bessere Entwicklung zu ermöglichen, kommentiert Ulrich Leuchtmann, Ökonom bei der Commerzbank: "Damit setzt die Türkei ihren Kurs der Bevorzugung des Tourismussektors fort." Gewiss sei der Erfolg aber nicht.

Für die türkische Lira könnte der Lockdown nach Ansicht des Experten einen positiven Effekt haben. So dürften vorerst weniger Devisen für Importe benötigt werden, und später könnte der Tourismus die Deviseneinnahmen wieder sprudeln lassen. Aber auch das sei keineswegs sicher, denn das vordringliche Problem für die Lira bleibe die türkische Geldpolitik, so Leuchtmann.