Recep Tayyip Erdogan | picture alliance / AA

Währungskrise in der Türkei Erdogan will Lira-Verfall stoppen

Stand: 21.12.2021 09:38 Uhr

Präsident Erdogan hat Maßnahmen gegen den Absturz der türkischen Landeswährung angekündigt, die Lira steigt an den Devisenmärkten deutlich. Doch an seiner umstrittenen Zinspolitik will er festhalten.

Mit einem Maßnahmenpaket stemmt sich die Türkei gegen den drastischen Wertverfall der Lira. Unter anderem sollen Ersparnisse der Bürger vor Wechselkursschwankungen geschützt werden, wie Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gestern Abend ankündigte. Die Landeswährung wertete daraufhin gegenüber dem US-Dollar und dem Euro um bis zu 25 Prozent auf. Gestern war sie noch zeitweise auf ein Rekordtief gefallen.

Gegen weitere "Dollarisierung" der Wirtschaft

Wie Erdogan nach einer Kabinettssitzung bekannt gab, sollen Einlagen künftig gegen Verluste aus den Wechselkursschwankungen abgesichert werden. Sollten die Einbußen größer ausfallen als die von Banken versprochenen Zinsen auf die jeweiligen Einlagen, sollen sie ersetzt werden. "Keiner unserer Bürger muss von nun an seine Einlagen von Lira in ausländische Währungen tauschen, weil er befürchtet, dass die Wechselkursschwankungen Gewinne aus Zinszahlungen zunichte machen könnten", erklärte der Präsident.

Weiterhin will die Regierung Unternehmen helfen, sich gegen hohe Wechselkursrisiken abzusichern. Die Türkei habe weder die Absicht noch das Bedürfnis, "sich auch nur den geringsten Schritt" von der freien Marktwirtschaft und dem aktuellen Devisenregime zu entfernen, sagte Erdogan. Die Schritte sollten aber sicherstellen, dass die Bürger nicht ihre heimische Währung Lira in ausländische Devisen tauschen müssten. Die weitere "Dollarisierung" der Wirtschaft solle gestoppt werden.

Von Dollarisierung spricht man, wenn die nationale Währung teilweise oder ganz in ihren Funktionen von anderen Währungen, insbesondere dem Dollar, ersetzt wird. Hauptursachen einer solchen Entwicklung sind Inflation und politische Unsicherheiten. Die herben Lira-Verluste verteuern insbesondere die Warenimporte in die Türkei und lasten damit auf der Kaufkraft der Bevölkerung.

Lira erholt sich

Nach Erdogans Rede stieg die Lira zum Dollar und zum Euro deutlich. Nachdem für einen US-Dollar im Tagesverlauf teils über 18 Lira fällig waren, kostete die US-amerikanische Währung am späten Abend weniger als 14 Lira. Auch heute Morgen wertete die türkische Währung weiter auf. Für einen Dollar waren zuletzt 11,61 Lira fällig, ein Euro wurde zu 13,85 Lira gehandelt.

In den Stunden vor der Ankündigung war es den zweiten Handelstag in Folge zu erheblichen Turbulenzen an den türkischen Finanzmärkten gekommen. Ein Euro war zeitweise mehr als 20 Lira wert. Für die Lira waren das jeweils historische Tiefstände. Vor der Ankündigung der Regierung hatte sie im laufenden Jahr deutlich mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren. Vor allem seit November ging es steil nach unten. Auch in Deutschland ist der Verfall spürbar.

Erdogan beharrt weiter auf niedrigen Zinsen

Als Hauptproblem der Lira gilt der rapide Glaubwürdigkeitsverlust der türkischen Notenbank. Die Zentralbank befindet sich seit Spätsommer ungeachtet einer hohen Inflation von zuletzt gut 21 Prozent auf striktem Zinssenkungskurs. Durch die Kursverluste der Lira wird die Teuerung aber nur noch weiter angefacht - ein Teufelskreis. Präsident Erdogan übt fortlaufend Druck auf die Notenbank aus, um die Zinsen weiter zu senken und damit Exporte, Kredite und Wachstum vor der Wahl im Jahr 2023 anzukurbeln. Er hat bereits mehrfach Notenbankmitglieder entlassen, die sich seinem Kurs widersetzt haben.

Entgegen gängiger volkswirtschaftlicher Lehre vertritt Erdogan die Ansicht, hohe Zinsen förderten die Inflation. Auch gestern bekräftigte er wieder, von seinem Wirtschaftsmodell mit niedrigen Zinsen nicht abrücken zu wollen. Die Zinssenkung der Zentralbank werde die Inflation innerhalb von Monaten drücken, prognostizierte er. Zuletzt betrug der Leitzins 14 Prozent. Im kommenden Jahr dürfte die Geldentwertung nach Prognose von Ökonomen sogar 30 Prozent erreichen.

Über dieses Thema berichteten am 21. Dezember 2021 Deutschlandfunk um 03:00 Uhr in den Nachrichten und das ARD-Morgenmagazin um 08:53 Uhr.