Eine Person zählt türkische Lira. | REUTERS

Lira-Krise Türkei geht gegen spekulative Marktkommentare vor

Stand: 22.12.2021 12:47 Uhr

Die Inflationsrate in der Türkei ist zuletzt auf 21 Prozent geklettert, doch die Regierung will Kommentare zum Marktgeschehen in den Sozialen Netzwerken verbieten. Der Finanzminister nennt sie "Verrat".

Nach den jüngsten Währungsturbulenzen will die Türkei gerichtlich gegen "spekulative Marktkommentare" in Sozialen Medien vorgehen. "Wir werden niemals einen solchen Verrat erlauben", sagte der türkische Finanzminister Nureddin Nebati in einem Interview des staatlichen Senders TRT Haber. Die Regierung peile eine Inflation im prozentual einstelligen Bereich, ein deutliches Wirtschaftswachstum und einen Leistungsbilanzüberschuss an.

Die Inflationsrate war im November auf 21 Prozent gestiegen. Die Opposition im Parlament hat sogar Strafantrag gegen die Statistikbehörde Turkstat wegen Datenmanipulation gestellt, nachdem eine unabhängige Analysefirma eine tatsächliche Teuerung von 58,7 Prozent ermittelte. Ökonomen gehen von einem weiteren Anstieg der Verbraucherpreise im kommenden Jahr aus. Dann dürfte die offizielle Geldentwertung die 30 Prozent-Marke erreichen.

Erdogan will Sparer besser schützen

Hintergrund ist der Verfall der Landeswährung Lira, die in diesem Jahr mehr als die Hälfte ihres Wertes zum Dollar und zum Euro eingebüßt hat. Dadurch werden Importe - etwa von Öl und Medikamenten - teurer, weil diese zumeist in Devisen bezahlt werden müssen. Den Absturz der Lira erklären Experten mit der unorthodoxen Geldpolitik der Zentralbank. Diese hat auf Weisung von Staatspräsident Erdogan ihren Leitzins seit September von 19 auf jetzt 14 Prozent gesenkt, obwohl es als erwiesen gilt, dass hohe Inflationsraten nur mit höheren Zinsen bekämpft werden können.

Erdogan hat aber den Zinsen den Kampf angesagt und beruft sich dabei auf das Zinsverbot im Koran. Mit niedrigen Zinsen will der Präsident Exporte, Kredite und das Wachstum ankurbeln, um damit seine Chancen bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2023 zu verbessern. Der Verfall der Währung und die hohe Teuerung bergen allerdings sozialen Sprengstoff, bringen sie doch Millionen Türken um ihre Ersparnisse. Interventionen der Notenbank am Devisenmarkt, wo sie Dollar verkaufte, sind rasch verpufft und haben sich als wirkungslos erwiesen.

Am Montag verkündete Erdogan, dass zum Schutz der Sparer künftig die Differenz zwischen Lira-Anlagen und vergleichbaren Dollar-Anlagen aus der Staatskasse beglichen werden. Daraufhin erholte sich die Lira kräftig um bis zu 30 Prozent. Wie nachhaltig diese Maßnahme ist, muss sich erst noch erweisen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Dezember 2021 um 03:15 Uhr.