Eine Frau zahlt mit Türkischen Lira an einem Marktstand | picture alliance/dpa/AP

Ökonomen kritisieren Erdogan Türkische Inflationsrate bei knapp 50 Prozent

Stand: 03.02.2022 12:19 Uhr

Die Inflation in der Türkei ist weiter gestiegen. Im Januar schnellten die Verbraucherpreise um 48,7 Prozent in die Höhe. Experten warnen vor der nächsten Krise der Landeswährung Lira.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die Verbraucherpreise in der Türkei haben ihren Anstieg rasant beschleunigt. Im Januar sprangen sie gegenüber dem Vorjahresmonat um 48,7 Prozent in die Höhe. Im Vormonat hatte der Anstieg noch 36 Prozent betragen. Wirklich überraschend kommt der erneute Anstieg der Inflationsrate in der Türkei dabei keineswegs. Vielmehr war mit Blick auf den Devisenmarkt genau diese Entwicklung zu befürchten.

Schwache Lira als Ursache

Ökonomen sehen in dem immer dramatischeren Kursverfall der türkischen Lira die Hauptursache der steigenden Inflationsraten. Die türkische Währung war im Dezember auf neue Rekordtiefstände zu Euro und Dollar gefallen. Hintergrund ist ein massiver Vertrauensverlust der Anleger wegen der Wirtschaftspolitik von Präsident Recep Tayyip Erdogan, der in einem entsprechenden Kapitalabfluss aus dem Land am Bosporus mündete.

Die billige Lira verteuert Waren-Importe aus dem Ausland. Das lässt die Kosten für Unternehmen und die Lebenshaltungskosten vieler Türken steigen. Die Folge: steigende Inflationsraten. Wirtschaftsexperten bezeichnen diesen Teufelskreis aus Währungsabwertung und anziehenden Verbraucherpreisen auch als Abwertungsspirale.

Erdogan will niedrige Zinsen

Ökonomen sind überzeugt: Um diese Spirale zu unterbrechen, wäre ein beherztes Eingreifen der Notenbank nötig. Genau das hat aber Erdogan bislang verhindert. Unter seinem Druck hatte die türkische Notenbank die Leitzinsen mehrfach auf zuletzt 14 Prozent gesenkt.

Erdogan ist erklärter Gegner hoher Zinsen, die von Ökonomen als Mittel gegen hohe Inflation empfohlen werden. Seine permanente Einmischung in die Geldpolitik der türkischen Notenbank hat das Vertrauen der Anleger in die türkische Wirtschaft und Währung massiv beschädigt und maßgeblich zum Lira-Verfall beigetragen.

"Irrungen und Wirrungen der Zentralbank"

"Dieser Cocktail aus wenig glaubwürdiger Geldpolitik, Irrungen und Wirrungen der Zentralbank und Dazwischengrätschen der Regierung ist ein alter Bekannter und dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später die nächste Lira-Krise auslösen", ist Commerzbank-Devisenexperte Tatha Ghose überzeugt.

Trotz dramatischer Zahlen sei es aber gut möglich, dass die heutige Verbraucherpreisinflation den Stein noch nicht ins Rollen bringen werde, so Ghose. Tatsächlich fällt die türkische Lira in einer ersten Reaktion auf die Inflationsrate um 0,6 Prozent zum Dollar, hält sich damit aber klar über ihren jüngsten Tiefständen.

Sorgen um Unabhängigkeit des Statistikamts

Für Unsicherheit am Markt hatte zuletzt auch eine Personalie gesorgt: Erdogan hatte vor wenigen Tagen den Chef der Statistikbehörde Turkstat nach nur elfmonatiger Amtszeit ausgetauscht.

Auch wenn unklar ist, welche Gründe dahinterstehen: Der Wechsel schürte neue Befürchtungen, dass Präsident Erdogan eine weitere Institution in seine Richtung lenken könnte, nachdem er zuvor schon die fachliche Unabhängigkeit der Notenbank schwer beschädigt hatte. Der Markt sorge sich, was diese Personalie für die Zuverlässigkeit künftiger Inflationsdaten bedeuten könne, so der Devisen-Experte Ghose.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Februar 2022 um 11:00 Uhr.