Container stehen im Hafen von Izmir. | dpa

Türkische Wirtschaft Wachstum - aber wie lange noch?

Stand: 02.06.2022 16:27 Uhr

Die türkische Wirtschaft ist mit 7,3 Prozent Wachstum ins Jahr gestartet. Doch geht es auch so weiter? Deutsche Industrie-Vertreter in der Türkei haben ihre Zweifel. Das hat viele Gründe.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

"Verdüstert" habe sich der Ausblick deutscher Unternehmen in der Türkei, sagt Thilo Pahl, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer, kurz AHK, in Istanbul. Grundlage seiner Annahme ist die Frühjahrsumfrage bei 93 Mitgliedern der AHK. Zwar befänden sich 73 Prozent der Mitgliedsunternehmen in einer guten geschäftlichen Lage, aber die weitere Entwicklung im laufenden Jahr werde pessimistisch gesehen. Das sei vor ein paar Monaten noch ganz anders gewesen. Mehrere Ereignisse hätten jedoch die Managerinnen und Manager verunsichert.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Vier Faktoren irritieren

Pahl nennt verschiedene Beispiele, die bei vielen ausländischen Investoren zu Irritationen geführt haben dürften. Erstens: Präsident Recep Tayyip Erdogans Androhung der Ausweisung von zehn westlichen Botschaftern im Oktober vergangenen Jahres. Zweitens: der vom Staat für alle Unternehmen über Nacht eingeführte Zwangsumtausch von erst 25 Prozent und dann 40 Prozent der Dollar- und Euro-Exporterlöse in die türkische Währung Lira. Drittens: der plötzliche Stopp von Gaslieferungen zu Beginn des Jahres, weil der Iran seine Leitungen in die Türkei vorübergehend schloss. Und viertens: eine Niedrigzinspolitik, die im Dezember vergangenen Jahres zu einem erheblichen Währungsverfall führte.

Die AHK empfiehlt dem türkischen Staat, von Maßnahmen, die Unternehmen tiefgreifend verunsichern, abzusehen und stattdessen für ein Klima der Stabilität zu sorgen. Belastungen durch das "Wechselkursrisiko" und die durch die "Ukraine-Krise gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise" haben zugenommen, so Markus Slevogt, Präsident der Handelskammer. Dazu komme die Sorge vor Liquiditätsproblemen und die Frage, inwieweit eine Finanzierung gesichert ist.  

Zankapfel Inflationsdaten

Ankara wird dennoch nicht müde, das Investitionsklima aufgrund innenpolitischer Abwägungen ständig aufs Neue zu vergiften. Die amtliche Inflation liegt derzeit bei knapp 70 Prozent. Morgen will das Statistikamt die neueste Zahl veröffentlichen. 70 Prozent klingen dramatisch, aber kaum noch jemand, der regelmäßig in den Supermarkt geht, will den offiziellen Angaben Glauben schenken. Vielmehr vertrauen immer mehr Türkinnen und Türken den Zahlen der unabhängigen Wirtschaftsanalysten des Enag-Instituts. Diese haben eine Inflation von 156 Prozent errechnet.

Doch anstatt das eigene Berechnungsmodell zu hinterfragen, hat die Regierung in Ankara den Plan entwickelt, eine unabhängige Berechnung der Inflation schlichtweg zu verbieten. Ein entsprechender Gesetzentwurf liege bereits in der Schublade der Regierungspartei AKP, so vor kurzem türkische Medien. Veysel Ulusoy von Enag will zwar seit ein paar Wochen nichts mehr Neues zu der Idee gehört haben, weil offenbar auch einige AKP-Abgeordnete das Vorgehen für fragwürdig halten. Aber es würde ihn nicht überraschen, so Ulusoy gegenüber der ARD, wenn es plötzlich in einem der berüchtigten Sammelgesetze, die in Windeseile durchs Parlament getrieben werden, wieder auftaucht.

Militäroffensive für den Wahlsieg?

Ebenfalls Gift für das Investitionsklima dürften Erdogans Ambitionen einer Militäroffensive in Nordsyrien sein. Den zweiten Tag in Folge wird aus mehreren Dörfern in von der Kurdenmiliz YPG kontrollierten Gebieten Beschuss durch türkisches Militär gemeldet. Eine Militäroffensive gegen die YPG im Jahr 2019 führte dazu, dass Volkswagen den Beschluss verwarf, ein großes Automobilwerk bei Izmir zu bauen.

Einst war der wirtschaftliche Erfolg ein Rezept des türkischen Präsidenten Erdogan für deutliche Wahlsiege. Doch der Weg zu nachhaltigem Wachstum, niedriger Inflation und einem stabilen Wechselkurs ist Erdogan offenbar zu steinig. Ein Angriff auf die Kurdenmiliz in Nordsyrien könnte die Reihen in der Türkei vielleicht schneller schließen und ihm aufgrund der Wirtschaftskrise verspielten Rückhalt in der Bevölkerung wieder verschaffen.