Der türkische Präsident Erdogan spricht bei einer Pressekonferenz | AFP

Gas aus dem Iran fehlt Türkische Produktion auf Sparflamme

Stand: 28.01.2022 15:18 Uhr

Weil Erdgaslieferungen aus dem Iran ausbleiben, mussten in der Türkei Firmen die Produktion zumindest teilweise einstellen. Das verschärft die Wirtschafts- und Währungskrise - und erhöht den Druck auf Präsident Erdogan.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Vergangenes Jahr lief es richtig gut für die Automobil-Zulieferbranche in der Türkei. Sie habe davon profitiert, dass Autohersteller wegen der Corona-Pandemie auf kurze Lieferwege setzten statt auf Importe aus Asien, berichtet Albert Saydam, Präsident des Verbandes der Automobilzulieferer in der Türkei. "Die Türkei war da eine Alternative - oder sogar erste Wahl für dieses neue Modell. Das Ergebnis konnten wir in den Exporten im letzten Jahr sehen", sagt er. "Und wir waren gerade dabei, diese guten Ergebnisse zu feiern."

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Ende voriger Woche verging vielen türkischen Unternehmern allerdings die Feierlaune. Der Iran kündigte an, wegen technischer Probleme zehn Tage kein Gas in die Türkei liefern zu können. Die Regierung in Ankara reagierte: Sie begrenzte den Gas- und Stromverbrauch in den Industriezonen im Land.

Energieminister Fatih Dönmez erklärte Anfang der Woche im türkischen Fernsehen, man habe mit den Unternehmen gesprochen. "Ein Teil von ihnen hat gesagt, dass sie für ein paar Tage Pause machen, um dann wieder voll produzieren zu können. Das waren sogar viele", so Dönmez. "Den anderen, die beispielsweise mit Öfen arbeiten, die viel Energie zum Hochheizen brauchen, haben wir eine Mindestversorgung an Erdgas und Strom gewährleistet."

Minimalversorgung in Rechenzentren

Und Industrieminister Mustafa Varank erklärte: "Unser grundsätzlicher Ansatz dabei ist, die negativen Auswirkungen der Beschränkungen auf Hersteller zu minimieren, indem wir mögliche Schäden an Maschinen und Anlagen sowie Rohstoffverluste minimieren." Auch Alarmanlagen und Rechenzentren können mit der Minimalversorgung weiterlaufen. In der Türkei wird ein Teil des Stroms mit Gas erzeugt. Wer allerdings mehr Energie als erlaubt verbraucht, muss mit Strafen rechnen.

Auch deutsche Unternehmen sind betroffen, wie beispielsweise Siemens in einem Industriegebiet südlich von Istanbul. Dort versichert man dem ARD-Studio Istanbul, die Produktion laufe mit eigenen Energiequellen weiter.

Langfristiger Imageschaden droht

Unterdessen schätzt Albert Saydam für seine Branche, dass bei drei Tagen Produktionsausfall rund eine Milliarde Dollar in der Kasse fehlten. Zusätzlich fürchtet er einen Imageschaden für die Türkei bei ausländischen Kunden. "Das wird in die Risikobewertung einfließen bei der Wahl von Zulieferern. Ich muss aber auch sagen, das ist ein generelles Problem", sagt er. "Es ist diesmal der Türkei passiert, kann aber auch anderen Ländern passieren, die keine eigenen Energieressourcen haben. Es hat wohl nur einfach die Türkei als erstes getroffen."

Kritiker werfen der Regierung vor, ihre Gasspeicher nicht gefüllt zu haben, weil Devisen fehlten. Andere vermuten, Rechnungen seien nicht bezahlt worden. Präsident Recep Tayyip Erdogan widerspricht dem. "Wir haben absolut keine Schulden gegenüber dem Iran. Diese Anschuldigungen sind Lüge", so Erdogan.

Manch Unternehmer wundert sich, warum die Regierung die Gaslieferungen um 40 Prozent kürzt, obwohl man doch nur 16 Prozent des Bedarfs aus dem Iran deckt. Der Rest kommt vor allem aus Russland und Aserbaidschan. Die Türkei erlebte in den vergangenen Tagen eine Kältewelle. Der Gasverbrauch ist rekordverdächtig.

Erdogan dämpft Erwartungen

Der Iran will laut eigener Ankündigung ab Februar wieder liefern. Aber Erdogan dämpfte die Erwartungen Mitte dieser Woche. "Ich schätze, wenn nichts dazwischen kommt, wird in zehn bis 15 Tagen wieder Erdgas kommen", sagte er.

Das sind keine guten Nachrichten für Albert Saydam. Er will am Wochenende in seiner Gummifabrik bei Istanbul Sonderschichten fahren, um offene Aufträge abarbeiten zu können. Dafür sollen beispielsweise Generatoren zum Einsatz kommen. Auch Siemens setzt welche ein. Wie lange man damit über die Runden kommt? Da will sich keiner festlegen. "Widerstandsfähigkeit und Flexibilität sind Stärken der türkischen Industrie. Aber ich persönlich muss sagen, wir sind alle etwas müde", sagt Saydam.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Januar 2022 um 13:55 Uhr.