Banknoten mit türkischen Lira.

Verbraucherpreise 80 Prozent Inflation in der Türkei

Stand: 05.09.2022 13:34 Uhr

Die türkische Inflation steigt im August auf den höchsten Stand seit 24 Jahren. Die rohstoffarme Türkei leidet wie andere Staaten unter den hohen Energiepreisen, die die Teuerung drastisch verschärfen.

Die Verbraucherpreise in der Türkei sind im August so stark gestiegen wie seit 24 Jahren nicht mehr. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich um durchschnittlich 80,21 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, teilte das Statistikamt heute mit. Im Vergleich zum Vormonat erhöhten sich die Lebenshaltungskosten um 1,46 Prozent. Es ist der 15. monatliche Anstieg der Inflation in Folge.    

Teure Rohstoffe treiben Inflation

Die Transportkosten inklusive Benzinpreise erhöhten sich im vergangenen Monat um 117 Prozent. Lebensmittel und alkoholfreie Getränke verteuerten sich um mehr als 90 Prozent. Auch für Möbel und Haushaltsgeräte mussten die Verbraucher tiefer in die Taschen greifen: Sie kosteten durchschnittlich 92 Prozent mehr als im August 2021.

Ein wichtiger Grund für die aktuell stark steigenden Preise sind die Folgen des russischen Krieges gegen die Ukraine, durch den viele Rohstoffe deutlich teurer geworden sind. Als rohstoffarmes Land ist die Türkei auf Importe angewiesen, sodass sich die höheren Preise in den Verbraucherpreisen niederschlagen.   

Hier wirkt sich der schwächelnde Lirakurs verschärfend aus, weil Rohstoffe an den Weltmärkten in Dollar bezahlt werden müssen. Sinkt also die Lira, steigen die Kosten zusätzlich: Die schwache Lira verteuert Importe, auf die die Türkei angewiesen ist.

Höhepunkt im Herbst

Die Landeswährung hat im vergangenen Jahr 44 Prozent an Wert zum Dollar verloren, in diesem Jahr bislang weitere 27 Prozent. Grund dafür ist, dass die Zentralbank ihren Leitzins seit vergangenem Herbst schrittweise von 19 auf aktuell 14 Prozent gesenkt hat, obwohl die ökonomischen Lehrbücher bei stark steigenden Preisen eigentlich Zinserhöhungen empfehlen. Sinkende Zinsen machen eine Währung für Anleger unattraktiver.

Präsident Recep Tayyip Erdogan will mit niedrigen Zinsen die Konjunktur anschieben. Der Inflationsgipfel dürfte nach Prognose der türkischen Zentralbank im Herbst erreicht werden, und zwar mit Teuerungsraten von nahezu 90 Prozent. Die Inflationsrate soll nach einer Vorhersage der Regierung dann bis Jahresende auf 65 Prozent zurückgehen. Bis Ende 2023 dürfte sie dann auf knapp 25 Prozent fallen, hieß es in einer am Sonntag veröffentlichen Prognose.

Kann man den Daten trauen?

Umfragen zufolge glauben viele Türken der amtlichen Statistik nicht. Danach ist jeder Zweite ist der Meinung, dass die Preise noch stärker steigen als offiziell ausgewiesen. Auch Oppositionspolitiker und manche Ökonomen trauen den offiziellen Daten nicht. "Ich glaube ihnen nicht mehr", sagte auch Anlagestrategie Tim Ash vom Vermögensverwalter BlueBay Asset Management. "Es sieht aus wie Fantasie, Wunschdenken. Wie kann man Wirtschaftspolitik betreiben, wenn man den wirtschaftlichen Grunddaten nicht trauen kann?"