Eine Frau blättert in einem Buch | dpa

Türkei Luxusgut Buch

Stand: 05.01.2022 16:24 Uhr

Die steigenden Preise in der Türkei machen auch vor Gedrucktem nicht halt. Hinzu kommen die Folgen des weltweiten Papiermangels. Bücher sind zum Luxusgut geworden - mit gravierenden Folgen.

Von Michael Schramm, ARD-Studio Istanbul

Studierende leben normalerweise regelrecht mit Büchern. Gleichzeitig verfügen sie meist nur über einen schmalen Geldbeutel. Die angespannte Lage auf dem türkischen Büchermarkt bekommen sie besonders zu spüren - so auch der Sprachenstudent an der Istanbuler Universität Murat Azak. Ihn macht die Not ebenso wie viele seiner Kommilitonen erfinderisch: Er versucht, in Antiquariaten gebrauchte Bücher für wenig Geld aufzutreiben. Auf diese Weise will er an die dringend benötigten Unterrichtsmittel kommen. "Meine Eltern können mir nicht mehr Geld geben", sagt er. Und: "Der Staat hilft uns nicht."

Michael Schramm ARD-Studio Istanbul

Viele Buchhändler geben auf

Hasan Arslan handelt mit neuen und gebrauchten Büchern. Er sagt, ganz allgemein würden seit einiger Zeit weniger Bücher verkauft. Die Leute müssten einfach sparen. Viele seiner Händlerkollegen hätten deshalb aufgegeben. Manche Studierende würden ihn sogar um kostenlose Bücher anbetteln. Und auch seine anderen Kunden halten sich zurück. Stammkundin Sevtap Cakbas sagt, wegen der hohen Preise kaufe sie weniger. Stattdessen würden ihre Freunde und sie jetzt vermehrt untereinander Bücher tauschen.

Papiernot im Land der Bücher

Die Gründe für die extreme Verteuerung von Papier sind die durch Corona weltweit unterbrochenen Lieferketten. Hinzu kommt in der Türkei aber, dass die heimische Papierindustrie seit Jahren schrumpft. Die Folge: Papier ist hier nun ganz besonders teure Mangelware. Für türkische Verlage verschärft sich die Lage zusätzlich dadurch, dass Bücher oft auf Raten gekauft werden. Den Herstellern bringt das in Zeiten hoher Inflation weitere Verluste.

Dabei ist die Türkei der sechstgrößte Buchmarkt der Welt. Der Vizepräsident des türkischen PEN-Clubs, Halil Ibrahim Ozcan, berichtet, dass es immer häufiger vorkomme, dass man Autoren in letzter Minute mitteile, ihre Publikationen seien auf unbestimmte Zeit aufgeschoben. Der PEN-Vertreter sorgt sich, dass es insbesondere regierungskritische Schriften sein könnten, die dem wirtschaftlichen Druck zum Opfer fallen.

Über dieses Thema berichtete WDR5 im Mittagsecho am 05. Januar 2022 um 13:21 Uhr.