Afghanen stehen vor einer Bank in Kabul an um nach der Übernahme durch die Taliban Bargeld abzuheben.  | picture alliance / AA

Nach US-Truppenabzug Afghanistans Wirtschaft am Abgrund?

Stand: 02.09.2021 15:38 Uhr

Der Abzug der USA dürfte die ohnehin schwache afghanische Volkswirtschaft in eine tiefe Krise stürzen. Derweil unternehmen die Taliban offenbar Schritte, um das Bankensystem in Gang zu halten.

Afghanistans Wirtschaft wird Experten zufolge nach dem Abzug der US-Truppen und der Machtübernahme der Taliban deutlich einbrechen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes könnte in diesem Jahr um 9,7 Prozent schrumpfen, hat die die Ratingagentur Fitch errechnet. Zuvor hatte sie für dieses Jahr ein Wachstum von 0,4 Prozent prognostiziert. Im kommenden Jahr sei ein weiterer Rückgang um 5,2 Prozent zu erwarten, hieß es.

"Die sehr turbulente Art und Weise, in der die US-Sicherheitskräfte das Land verlassen und die Taliban die Macht übernommen haben, bedeutet, dass die wirtschaftlichen Belastungen für das Land kurzfristig akut zu spüren sein werden", führen die Analysten vom Forschungsbereich der Kreditratingagentur aus.

Die Fachleute unterstreichen aber, dass ein Risiko bestehe, dass sich die Ökonomie deutlich schlechter entwickle. Fitch-Experten zufolge hätten andere Volkswirtschaften, die mit vergleichbaren politischen Schocks konfrontiert worden seien, einen Zusammenbruch erlebt.  

Schwache Wirtschaftsdaten

Afghanistan zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Dabei verfügt es über viele begehrte Bodenschätze wie Lithium, Kupfer, Seltene Erden und Öl. Das afghanische BIP betrug im vergangenen Jahr rund 20 Milliarden Dollar. Laut Weltbank machten davon Hilfsgelder fast 43 Prozent aus. Zum Vergleich: Das ist für ein Land mit rund 38 Millionen Einwohnern, das fast doppelt so groß ist wie Deutschland, etwas weniger als der jüngste Apple-Quartalsgewinn. Der Technologiekonzern verdiente im abgelaufenen dritten Quartal unter dem Strich 21,7 Milliarden Dollar.  

Es stellt sich hierbei allerdings die Frage, wie aussagekräftig afghanische Wirtschaftsdaten sind, da die sogenannte Schattenwirtschaft dort eine wesentliche Rolle spielt. Experten schätzen den Umfang auf rund 80 Prozent. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist beispielsweise der Drogenhandel. Außerdem ist zumindest zweifelhaft, ob Afghanistan über eine funktionstüchtige Infrastruktur und Verwaltung verfügt, die Voraussetzung für eine zuverlässige Erhebung von Daten ist.   

Große Volkswirtschaften müssten investieren  

Die Fitch-Analysten kommen zu dem Ergebnis, dass ausländische Investitionen nötig wären, um ein optimistischeres Szenario zu zeichnen: "Ein alternatives und positiveres Wirtschaftsszenario würde bedeuten, dass das durchschnittliche Wachstum Afghanistans zwischen 2023 und 2030 bei 2,2 Prozent liegen würde."

Das setze voraus, dass einige große Volkswirtschaften, namentlich China und möglicherweise Russland, die Taliban als rechtmäßige Regierung akzeptieren und größere Investitionsprojekte in Angriff nehmen würden.

Zudem haben die Taliban ein Finanzierungsproblem. Der Chef der afghanischen Zentralbank DAB, Adschmal Ahmati, war aus Kabul geflüchtet. Ihm zufolge sind die Vermögenswerte der DAB außerhalb der Reichweite der Taliban. Ferner wurde etwa das IWF-Kreditprogramm eingefroren und die USA haben den Zugang zu Devisenreserven auf ihren Boden blockiert. Die Taliban müssen derzeit mit der herrschenden Wirtschaftskrise umgehen und auf eine steigende Inflation sowie den Verfall der Landeswährung reagieren.

Charmeoffensive der Taliban?

Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Insider berichtet, suchen die Taliban deshalb den Kontakt zu Bankern. Sie hätten Bankenvertretern in Afghanistan versichert, dass sie ein komplett funktionierendes Finanzsystem wünschen. Der von den Islamisten eingesetzte kommissarische Chef der DAB, Hadschi Mohammad Idris, habe sich in dieser Woche unter anderem mit Mitgliedern des dortigen Branchenverbandes getroffen. "Sie waren sehr charmant und fragten die Banken nach ihren Sorgen", sagte einer der Insider über die Taliban. Idris hatten die Islamisten vergangene Woche an der Spitze der DAB installiert. Er verfügt über keine formelle Finanzausbildung und hat keine Hochschule besucht.