Schiffe liegen im Containerhafen in Rotterdam. | imago/Jochen Tack

Nach Havarie im Suezkanal Herkulesaufgabe für Rotterdams Hafen

Stand: 30.03.2021 18:44 Uhr

Der Suezkanal ist nach der Havarie der "Ever Given" wieder frei. Ein Konvoi von 60 Schiffen hat nun Kurs auf den Hafen in Rotterdam genommen. Dort rüstet man sich für einen Ansturm der Frachter.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

Auf der grünen Wiese am Stadtrand von Amersfoort entsteht derzeit der erste große Photovoltaik-Park der Stadt. Die technischen Vorbereitungen sind getroffen, die Unterbauten fertig und alle Leitungen verlegt. "Was jetzt noch fehlt, sind die 23.000 Solarmodule", sagt Projektentwickler René van der Borch tot Terwolde.

Ludger Kazmierczak ARD-Studio Den Haag

Doch diese Sonnenpaneele liegen zufälligerweise an Bord des Container-Riesens "Ever Given", erklärt er. Auch wenn der Frachter nun wieder frei ist, glaubt der Ingenieur nicht, dass die Behörden diesen einfach wieder losfahren lassen. "Nein, da kommen noch strenge Kontrollen, und wir rechnen zusätzlich mit Problemen in Rotterdam."

 "Erwarte Stau vor dem Hafen"

60 der mehr als 350 Schiffe, die teilweise noch immer im Suezkanal festsitzen, sind auf dem Weg nach Rotterdam: 56 Containerschiffe, drei Tanker und ein Frachter voll mit Autos. Sollten sie alle gleichzeitig den größten Hafen Europas erreichen, wäre das eine logistische Herausforderung, sagt der Hafen-Ökonom Bart Kuipers von der Erasmus-Universität in Rotterdam.

Sehr viel Ladung an Bord der Schiffe sei für Deutschland bestimmt; das wichtigste Hinterland von Rotterdam. Einige Schiffe könnten aber alternativ Genua ansteuern, so dass sich die Menge ein bisschen verteilt. "Für mich steht aber fest, dass wir einen Stau vor dem Rotterdamer Hafen bekommen werden", sagt Kuipers.

Probleme beim Weitertransport

Dass die gigantischen Ozeanriesen, die wie die "Ever Given" bis zu 400 Meter lang sein können, ihre Ladung möglichst schnell in Rotterdam abladen wollen, sei das eine Problem, sagt der Experte. Hinzu komme, dass im Hafen Platz für weitere Schiffe gemacht werden müsse, die für den Weitertransport der Waren sorgen.

"Das erledigen kleinere Schiffe, die die Container nach England oder Skandinavien bringen, und Binnenfahrtschiffe", erklärt Kuipers. Allerdings sei fraglich, ob die überhaupt an die Ladung ranfahren könne, da die großen Frachter immer Vorrang hätten. "Sie verursachen ja auch größere Kosten."

340 Millionen Euro Schaden befürchtet

In Rotterdam wagt niemand eine Prognose, wann der Schiffskonvoi aus dem Suezkanal die Niederlande erreicht. Die Vorbereitungen dafür liefen aber bereits jetzt auf Hochtouren, sagt Kuipers. Er habe gehört, dass viele Container, die in den Terminals lagen, schon verschifft wurden, um Platz zu schaffen, damit nachher alles gut funktioniert.

Die britische Fachzeitschrift "Lloyd’s List" schätzt, dass die einwöchige Blockade des 193 Kilometer langen Suezkanals einen Schaden in Höhe von rund 340 Millionen Euro angerichtet hat. Rund 150.000 davon gehen zu Lasten des Solarparks in Amersfoort, der nicht wie geplant im Juli, sondern frühestens im August oder September den ersten Strom liefern wird.

Über dieses Thema berichtete am 30. März 2021 die tagesschau um 12:00 Uhr und MDR Aktuell um 13:22 Uhr.