Die im Suezkanal auf Grund gelaufene "Ever Given". | EPA

Havarie im Suezkanal "Pulsader" des Welthandels blockiert

Stand: 24.03.2021 16:41 Uhr

Die Havarie des Containerschiffs "Ever Given" im Suezkanal trifft die Wirtschaft an einem empfindlichen Punkt: Es geht um eine der wichtigsten Seehandelsrouten der Welt. Verschärfte Lieferprobleme drohen.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Ein riesiges Containerschiff hat eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten im Welthandel blockiert. Die "MV Ever Given", ein 400 Meter langes und 59 Meter breites Schiff der Reederei Evergreen, war im Zuge eines Sandsturms bei starkem Wind manövrierunfähig geworden, vom Kurs abgekommen und auf Grund gelaufen.

Dadurch bildeten sich am Mittwoch sowohl nördlich als auch südlich des Suezkanals nach Angaben der Schiffsradare vesselfinder.com und marinetraffic Staus von Containerschiffen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete von mehr als 100 Schiffen, die den Kanal passieren wollten - aber nicht konnten. Was bedeutet das für die globale Wirtschaft?

Entscheidend für den Handel zwischen Asien und Europa

Der knapp 200 Kilometer lange Suezkanal ist eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt, rund zwölf Prozent des gesamten internationalen Seehandels verläuft über die Wasserstraße. Sie verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer. Nach Angaben der Suez Canal Authority (SCA) passierten den Kanal im vergangenen Jahr fast 19.000 Schiffe - und damit mehr als 50 pro Tag - mit insgesamt mehr als einer Milliarde Tonnen Fracht.

"Der Suezkanal ist definitiv eine der Pulsadern - wenn nicht die wichtigste Pulsader - für den weltweiten Fracht- und Güterhandel", sagt Vincent Stamer, Handelsexperte vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), im Gespräch mit tagesschau.de. Etwa 98 Prozent aller Containerschiffe nutzten auf dem Weg von Asien nach Europa oder andersherum den Suezkanal.

Noch ist nicht klar, wann die Schifffahrtsstraße wieder freigegeben werden kann. Das Schiff stecke zwischen beiden Ufern des Kanals in einem einspurigen Abschnitt kurz vor der Hafenstadt Suez fest, teilte die ägyptische Suezkanal-Behörde mit. Die Schlepper würden mindestens zwei Tage brauchen, um es wieder flott zu bekommen.

Millionenschaden für Reedereien

"Die kurzfristigen Auswirkungen werden vor allem die Reedereien spüren, denn gerade für die großen Schiffe bedeutet ein Tag in der Warteschlange ungefähr 100.000 Dollar Schaden", so Stamer. Wenn normalerweise mehr als 50 Frachtschiffe den Suezkanal passieren, belaufe sich der Verlust auf fünf Millionen Dollar.

Dementsprechend hofft der Verband Deutscher Reeder (VDR) auf ein schnelles Ende der Blockade. "Je länger die Sperrung andauert und je länger die Ungewissheit andauert, desto drastischer werden die Auswirkungen dieser Sperrung sein", sagte der Sprecher Christian Denso der Deutschen Presse-Agentur. Das Hauptproblem sei, dass niemand wisse, wie lange die "Ever Given" den Kanal blockiere - und damit auch unklar sei, ob sich eine Umfahrung lohne. "Das ist, wie wenn Sie auf dem Weg in den Urlaub im Stau stehen und entscheiden müssen, nehme ich die Umleitung oder warte ich im Stau, bis es vorbei ist."

Ägypten Suezkanal  |

Ölpreise reagieren

Von der Blockade betroffen sind auch Tanker. "Alles, was Öl dort unten lädt und Richtung Europa und Nordamerika fährt, fährt durch den Suezkanal", sagte Denso. Im Gegensatz zum Panama- oder zum Nord-Ostsee-Kanal gebe es dort keine Breiten-, Höhen- oder Längenrestriktionen.

Angebotssorgen ließen den Ölpreis bereits nach oben schnellen. Die Ölsorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich zeitweise um 2,3 Prozent auf 62,20 Dollar je Barrel. Der WTI-Preis für US-Öl stieg um bis zu 2,6 Prozent auf 59,23 Dollar. Aufgrund der steigenden Corona-Infektionszahlen und den Beschränkungen waren die Preise am Montag noch eingebrochen. Durch den Kanal läuft ein erheblicher Teil der gesamten Energietransporte vom Mittleren Osten in Richtung Europa und USA. Betroffen sind in der Gegenrichtung auch Lieferungen aus der Nordsee nach Asien.

Dem Branchendienst TankerTrackers zufolge stauten sich Tanker mit Erdöl aus Saudi-Arabien, Russland, Oman und den USA auf beiden Seiten der Unfallstelle. Die Schiffe hätten zusammen rund zehn Millionen Barrel Öl geladen - und damit mehr als zehn Prozent des täglichen internationalen Bedarfs.

Ob die Preise weiter steigen, hänge von der Dauer der Blockade und der Entscheidung der Öltanker ab, über Afrika zu fahren, sagt IfW-Experte Stamer. Der Umweg über das Kap der Guten Hoffnung könnte den Schiffen aus Saudi-Arabien oder dem Irak bei 16 Knoten (etwa 30 Stundenkilometer) Geschwindigkeit allerdings drei weitere Wochen kosten. Den Seeweg von Europa nach Indien verkürzt der Kanal um etwa 7000 Kilometer.

Mögliche Wartezeiten bei einzelnen Gütern

Die Branche baut darauf, dass kein längerer Ausfall der Route droht. Am Mittwoch gelang es, den Frachter zu bewegen, wie der Branchendienstleister GAC unter Berufung auf die ägyptische Kanalbehörde mitteilte. Sobald er in eine andere Position gebracht wird, sollen Schiffe demnach wieder fahren dürfen. Allerdings erschweren Wind und die Größe des Schiffes die Arbeit der Schlepper.

"Würde der Suezkanal für mehrere Wochen ausfallen, könnte es bei vereinzelten Gütern in der deutschen Produktion durchaus zu Wartezeiten kommen", so Stamer gegenüber tagesschau.de. Das betreffe vor allem Elektronik, Textilien und Maschinenteile, die überwiegend aus ostasiatischen Volkswirtschaften bezogen werden. Auch wenn sich die Lage entspanne, drohten in jedem Fall Verzögerungen bei Warenlieferungen.

Alles in allem komme die Havarie zur Unzeit. "Wenn jetzt Containerschiffe in der Warteschlange vom Suezkanal gefangen sind und Kapazität binden, würde das bedeuten, dass bestehende Probleme durch die Corona-Krise auf den Weltmeeren noch weiter verschärft werden." Seit Monaten kämpft die Branche gegen eine sprunghaft gestiegene Nachfrage und Containermangel.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. März 2021 um 17:00 Uhr.