Masten mit Hochspannungsleitungen in der Nähe von Barcelona | REUTERS

Hohe Energiekosten Warum Spaniens Strompreise explodieren

Stand: 02.10.2021 08:30 Uhr

Anders als in Deutschland folgen Stromrechnungen in Spanien direkt den Tageskursen der Strombörsen - und die eilen von Rekord zu Rekord. Einige mache hohe Gaspreise dafür verantwortlich, andere die Marktregeln.

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Mehrmals in der Woche melden spanische Medien zurzeit einen historischen Höchstpreis pro Megawattstunde an den Strompreisbörsen. Er ist von knapp 40 Euro vor 15 Monaten auf bis zu 220 Euro in der Spitze hochgeschnellt. Damit ist der Strom in der teuersten Tageszeit mehr als fünfmal so teuer wie vor gut einem Jahr.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Weil die meisten Verbraucherverträge in Spanien den Preis pro Kilowattstunde - anders als in Deutschland - nicht für zwölf oder 24 Monate festschreiben, kommen die Rekordpreise an den Strombörsen ziemlich ungeschminkt bei Verbraucherinnen und Verbrauchern an.

Gegenmaßnahmen der Regierung

Das hat auch politische Reaktionen ausgelöst: Ministerpräsident Pedro Sanchez versprach, die Stromrechnung werde übers Jahr nicht teurer ausfallen als 2018 - ein Jahr mit mittelhohen Strompreisen.

Die Regierung senkte die Mehrwertsteuer auf Strom von 21 auf zehn Prozent. Außerdem will sie die Energieversorger zwingen, Vergütungen für CO2-Einsparungen an die Verbraucher weiterzugeben. Das sei eine verkappte Steuer und werde vor Gericht keinen Bestand haben, sagen manche Experten - und Energieunternehmen drohten sogar damit, Kernkraftwerke abzuschalten. Das knapper werdende Stromangebot würde die Preise weiter treiben. Allerdings sagt nun die Regierung, dass eine Abschaltung der Kraftwerke rechtlich nicht ohne Weiteres möglich ist.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez spricht bei einer Veranstaltung | dpa

Spaniens Ministerpräsident Sanchez versucht, den rasanten Anstieg des Strompreises zu bremsen. Bild: dpa

Gaspreise treiben Strompreise in die Höhe

Auslöser für die Strompreisrally sind steigende Gaspreise. Durch sie steigen die Kosten für die Stromerzeugung vor allem in gasbefeuerten Spitzenlastkraftwerken. Windkraftanlagen oder Wasserkraftwerke sind davon zwar nicht betroffen, aber der finale Preis an der Börse für Strom - egal aus welcher Quelle - orientiert sich immer am teuersten Angebot.

Die Kritik an diesem System wächst. Strom aus abgeschriebenen Stausee-Wasserkraftwerken, die keinen Brennstoff brauchen, sei genauso teuer wie der aus Gasturbinen-Kraftwerken, sagt Daniel Carracero von der Organisation Kritisches Energieforum. Dieser riesige Profit erzeuge eine massive Marktverzerrung

Andere Strommarkt-Experten wie Jorge Sanz vom Beratungsunternehmen NERA verteidigen das System. Wenn Strom aus Wasserkraft zum Erzeugerpreis verkauft würde, müsste er fast kostenlos sein, das würde ein falsches Signal setzen, sagt er. "Die Verbraucher hätten den Eindruck, dass es Strom im Überfluss gibt, und würden bedenkenlos Strom verbrauchen", so Sanz. "Nur: Das Wasser in Stauseen ist zwar kostenlos, aber es ist nur so viel da, wie es regnet. Man kann damit nicht unbegrenzt Strom erzeugen, wenn der Preis zu niedrig ist, drohen Versorgungsengpässe."

Experten: Regierungsmaßnahmen nur Kosmetik

Egal, ob sie an die Kraft des Marktes glauben oder ein neues System für die Strompreisbörse fordern - in einem sind sich die Fachleute einig: Die Versuche der spanischen Regierung, die Stromrechnung auf erträglichem Niveau zu halten, sind vor allem Kosmetik.

Auch in Deutschland müssen sich Stromkunden wohl darauf vorbereiten, dass die Anbieter ihnen demnächst eine Erhöhung der laufenden Tarife ankündigen. Dank Sonderkündigungsrecht könnte sich ein Preisvergleich und Anbieterwechsel dann lohnen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. August 2021 um 05:51 Uhr.