Kellner arbeiten in einer Bar auf Mallorca. | picture alliance/dpa

Arbeitsmarkt in Spanien Impfungen, Touristen und neue Jobs

Stand: 04.08.2021 12:02 Uhr

Fast eineinhalb Millionen Menschen verloren in Spanien auf dem Höhepunkt der Corona-Krise ihren Job, nun geht es wieder aufwärts. Viele Jobs sind aber nur befristet - was die Regierung ändern will.

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Im ersten Quartal des Jahres ging es für die spanische Wirtschaft noch leicht bergab: strenge Corona-Auflagen wie zum Beispiel konsequente Ausgangssperren waren ein Grund dafür. Aber danach ging es aufwärts, sehr zur Freude der neuen Wirtschaftsministerin Nadja Calviño: Die positive Entwicklung scheine sich auch im Juli fortzusetzen, meinte sie Mitte vergangenen Monats.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Und tatsächlich war das Wachstum sogar deutlich stärker als erwartet: 2,8 Prozent statt der ursprünglich erwarteten 2,2 Prozent. Auch in der wichtigen Tourismusbranche hat sich was getan: Knapp eineinhalb Millionen ausländische Gäste sind im Mai nach Spanien gekommen, im Mai 2020 waren es praktisch Null.

"Spanien hat Impf-Goldmedaille"

Victor, der als Animateur in einer Ferienanlage arbeitet, hat ein gutes Gefühl: "Dank der Impfkampagnen sind wir einen ganzen Schritt weiter", sagt er. "Das Jahr wird sicher besser als das letzte." Mindestens so wichtig wie der Tourismus aus dem Ausland sind für ihn und seine Kollegen urlaubshungrige Landsleute. Von Mitte Juni bis Mitte Juli haben sie schon rund zehn Prozent mehr ausgegeben als im gleichen Zeitraum 2019 vor Corona.

Und der Bedarf an Arbeitskräften fällt höher aus als erwartet, sagt Valentin Bote, Repräsentant einer Zeitarbeitsfirma - die Impfkampagne macht es möglich. Für den Sommer rechnet er jetzt mit rund 10.000 zusätzlichen Arbeitsverträgen.

Impfkampagne, digitales Impfzertifikat: Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hat beides vorangetrieben und sieht sich jetzt die Ernte einfahren. Es seien nun 55 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, so Sánchez Ende Juli am Rande eines Treffens mit den Ministerpräsidenten der Autonomen Gemeinschaften: "Wir liegen vor Großbritannien, den USA, Frankreich oder Deutschland. Spanien hat die Impf-Goldmedaille."

Reges Leben trotz fünfter Corona-Welle

Dass Spanien schon in der fünften Corona-Welle ist, die Inzidenz bei über 300 liegt: Die Menschen haben sich irgendwie auch daran gewöhnt. Man tummelt sich in den Kneipen, geht shoppen. "Deshalb stocken wir jetzt wieder Personal auf", sagt Ruben Garcia von der Baumarktkette Leroy Merlin. Er brauche Leute für die Kasse, das Lager, Personalmanagement und Experten für die Fachabteilungen.

Rund eineinhalb Million Menschen haben in Spanien im Zug von Corona den Job verloren - so wie es Paco im Januar erging. Er hat sich jetzt beim Baumarkt beworben, alles ging ganz schnell. Der Haken: Paco hat einen Vertrag für drei Monate. Und so geht es vielen der knapp eine Million Spanierinnen und Spanier, die seit dem Beschäftigungstiefststand im vergangenen Sommer etwas Neues gefunden haben. Wobei die Arbeitslosenquote trotzdem noch bei rund 15 Prozent liegt - und damit fast doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt.

Kettenverträge haben traurige Tradition in Spanien; Arbeitsministerin Yolanda Diaz von der Linkspartei Unidas Podemos findet das skandalös. "Glaubt wirklich irgend jemand, dass dieses System in Ordnung ist?", fragt sie. Die Frage beantworte sich von selbst, sie habe sogar schon Sieben-Tages-Kettenverträge gesehen, so die Ministerin. Sie will Zeitverträge neu regeln - das verlangt auch die EU-Kommission von Spanien. Diaz' Plan: Befristungen nur noch da, wo es triftige Gründe gibt - sonst wird aus dem befristeten nach Ablauf eines Jahres automatisch ein unbefristeter Vertrag.  

Vorrang für den Aufschwung

Eine Reform ist sicher überfällig. Dass sie aber ausgerechnet jetzt kommen könnte, ist doch zweifelhaft. Die eigentlich schon zum Jahreswechsel angedachte Erhöhung des Mindestlohns hat die Regierung jetzt jedenfalls noch einmal verschoben, mindestens in den Herbst. Sie gefährde Arbeitsplätze, so heißt es. Dabei gibt es gerade nur ein Ziel, wie Ministerpräsident Sánchez sagt: "In diesem Moment, der neue Möglichkeiten bietet, setzt die Regierung auf wirtschaftliche Erholung."

Und so könnten viele, die jetzt in den Sommermonaten in der Tourismusbranche oder als Verstärkung im Handel einen Job gefunden haben, ihn in ein paar Monaten auch wieder los sein. Und neue Arbeitslose könnten dazu kommen - wenn die Regierung anfangen muss, die massiven, schon mehrfach verlängerten Kurzarbeitergelder zu streichen.