Erleuchtete Häuser in Shanghai während des Lockdowns | AFP

Unternehmen in Shanghai Lockdown mit Langzeitfolgen

Stand: 11.04.2022 16:49 Uhr

Der Lockdown in Shanghai und anderen chinesischen Städten hat Auswirkungen auf weltweite Lieferketten. Europäische Firmen stehen nun vor der Frage, ob sie weiter in China investieren sollen.

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Ein Unternehmen steht und fällt mit den Mitarbeitern. In China wollen viele nicht mehr bleiben. Das hat sich nach Angaben der Handelskammer aufgrund der strikten Einreise- und Quarantänebestimmungen während der vergangenen zwei Pandemie-Jahre bereits angedeutet. Der Lockdown in Shanghai werde das nochmal verschärfen, sagte Bettina Schön-Behanzin von der Europäischen Handelskammer in Shanghai. Mehr als 26 Millionen Menschen dort dürfen ihre Häuser seit Beginn des Lockdowns Ende März nicht verlassen.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Zuletzt galt diese Regelung auf unbestimmte Zeit. Nun haben die Behörden zumindest eine schrittweise Lockerung angekündigt: Die Wohngebiete werden dazu in drei Risikokategorien eingeteilt - abhängig davon, wann dort zuletzt Neuinfektionen mit dem Coronavirus auftraten. In Gebieten, in denen innerhalb von zwei Wochen keine positiven Fälle auftraten, wird demnach die Ausgangssperre aufgehoben, die Bewohner sollen wieder die Möglichkeit zu "angemessenen Aktivitäten" in ihren Vierteln erhalten. Es gelten aber Isolations- und Abstandsregeln - und die betreffenden Stadtviertel könnten bei Neuinfektionen wieder abgeschottet werden.

Corona-Maßnahmen verstärken Abwanderung

Bettina Schön-Behanzin beschreibt die Situation in Shanghai unter den Bedingungen des kompletten Lockdowns als eine "Art Ausnahmezustand. Es ist eine Geisterstadt. Sie sehen keine Menschen, keine Autos auf den Straßen und man hat hier eine Stimmung von Angst." Bettina Schön-Behanzin rechnet mit einem Exodus von Ausländern, die Shanghai und andere Städte in China verlassen wollen, sobald dies wieder möglich ist.

Unter anderem die Bedingungen in den staatlichen Quarantänezentren, in die positiv Getestete in China gebracht werden, machten vielen Angst. "Es gibt natürlich auch diese Themen, die hier durch alle sozialen Medien gehen, dass Kinder von ihren Eltern getrennt werden, wenn sie positiv sind", berichtet Bettina Schön-Behanzin. "Das wurde jetzt wieder teilweise zurückgenommen, in besonderen Fällen können die Eltern ihre Kinder wohl begleiten. Aber ich denke, Sie können sich vorstellen, wie sehr das die Menschen hier beunruhigt. Und natürlich führt das dazu, dass Familien mit Kindern, dass Expats, die hier schon lange leben, dass die Leute hier ihre Taschen packen."

Unternehmen stellen die Existenzfrage

Die Zukunft der sonst so internationalen Finanz- und Handelsstadt Shanghai sei ungewiss - für Unternehmen nicht planbar. Sie haben seit Wochen mit Lockdowns, eingeschränkter oder stillgelegter Produktion und unterbrochenen Lieferketten zu kämpfen. Immer weniger Mitarbeiter seien bereit, während eines Lockdowns mit dem Schlafsack mehrere Tage oder gar länger in der Fabrik oder im Büro zu schlafen, um die Produktion weiter aufrechtzuerhalten.

Für Unternehmen stellt sich nach Angaben der Europäischen Handelskammer die Frage, wie sie unter den strikten Corona-Maßnahmen künftig weiter existieren sollen und inwieweit künftige Investitionen noch in China oder woanders in Asien geplant werden sollen.

Lockdown-Folgen für globale Lieferketten

Nach Einschätzung mehrerer Wirtschaftsexperten wird sich der strikte Lockdown in Shanghai auch auf die Weltwirtschaft und globale Lieferketten auswirken, was auch in Deutschland zu spüren sein wird. Vor allem ein wichtiger Teil der Elektronikwaren wird in Shanghai und Umgebung produziert. Das könnte das Angebot an Unterhaltungselektronik und elektronischen Zwischengütern zeitweise einschränken.

Der Hafen in Shanghai ist der weltweit größte Containerhafen und der wichtigste Partnerhafen Deutschlands. Er wird derzeit trotz des Lockdowns noch weiter betrieben. Der Verkehr vom und zum Hafen ist allerdings eingeschränkt, weil Lkw-Fahrer fehlen und sie Sondergenehmigungen brauchen, um von einer anderen Region nach Shanghai oder von einem Stadtteil in den nächsten zu fahren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. April 2022 um 13:35 Uhr.