Ein Kenianer während einer Demonstration gegen die hohen Lebenshaltungskosten. | picture alliance / ZUMAPRESS.com
Hintergrund

Zinswende in den USA Schwellenländern droht neue Schuldenkrise

Stand: 24.08.2022 08:22 Uhr

Die Zinswende in den Vereinigten Staaten setzt Schwellenländer unter Druck, es droht eine neue Schuldenkrise. Auch für Deutschland kann eine solche Krise zu einem ernsten Problem werden.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Die Sorge um eine neue Schuldenkrise in den Schwellenländern wird immer drängender: Ayhan Kose, Chefökonom und Direktor der Prospects Group der Weltbank, hatte jüngst in der japanischen Wirtschaftszeitung "Nikkei" gemahnt, dass die schnelle Anhebung der Leitzinsen vieler Zentralbanken hoch verschuldete Schwellenländer in eine prekäre Lage bringen dürfte.

Bereits vor einigen Wochen hatte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa gewarnt: Sollten die Anstrengungen für Schuldenerleichterungen nicht bald Fahrt aufnehmen, drohe eine Abwärtsspirale. Auch die Fachleute der US-Investmentbank Goldman Sachs sprechen längst von einer drohenden Schuldenkrise. "Für die Schwellenländer bedeuten die Dollarstärke und die gesunkene globale Risikobereitschaft, dass die Zukunft schwieriger wird", meint Shoqat Bunglawala, Head of Multi-Asset Solutions bei Goldman Sachs Asset Management.

Droht ein "Perfect Storm"?

"Man könnte die aktuelle Kombination verschiedener negativer Faktoren für die Schwellenländer als 'Perfect Storm' bezeichnen", unterstreicht Klaus-Jürgen Gern, Experte für Weltkonjunktur und globale Ungleichgewichte am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) gegenüber tagesschau.de. Die Verschuldung sei derzeit historisch sehr hoch, unterstreicht er. "Das bedeutet, dass die Länder auch einen hohen Refinanzierungsbedarf haben. Und das trifft jetzt auf die Zinswende in den USA."

Denn ein wesentlicher Grund für die Furcht vor einer neuerlichen Schuldenkrise in den Schwellenländern ist der seit Monaten anziehende Dollar. Nicht nur der Euro steht zur US-Währung unter massivem Druck. Auch verglichen mit anderen Landeswährungen legt sie kräftig zu. Das hängt mit der aggressiven Zinspolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zusammen, die den Leitzins mittlerweile bis auf die Spanne zwischen 2,25 und 2,50 Prozent angehoben hat.

Höheres Risiko, steigende Risikoprämien   

Für die Schwellenländer ist die straffere Geldpolitik ein gravierendes Problem: "Die Folge der Zinswende ist, dass Anlagekapital, das in den vergangenen zwei Jahren in die Schwellenländer geflossen ist, weil in den USA die Zinsen so niedrig waren, jetzt wieder zurückfließt", erklärt der IfW-Experte. Das hänge auch damit zusammen, dass die Risiken für das Anlagekapital in den Schwellenländern aufgrund des Verschuldungsgrads und der globalen Rezessionsgefahren größer würden.

Viele Kredite der Schwellenländer in Dollar

"Hinzu kommt die Sorge der Anleger, dass die Geldpolitik der Notenbanken wegen der Inflationsgefahren noch restriktiver wird", so Gern. Da die Schwellenländer viele ihrer Kredite in Dollar aufgenommen und zurückzahlen müssen, macht ein starker Dollar die Schulden außerdem teurer. Die Begleichung wird schwieriger, die Lage droht sich durch steigende Zinsen weiter zu verschärfen.

Das ist den Akteuren an den Finanzmärkten, die die Staaten mit Krediten versorgen, bewusst. Die Risikoprämien, die sie verlangen, steigen deshalb ebenfalls, weil die negativen Rahmenbedingungen die Chancen auf für Ausfall der Kredite erhöhen. Viele Schwellenländer, die bereits unter Inflation, Engpässen bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rezessionsgefahren leiden, müssen sich jetzt also zusätzlich zu der ohnehin bereits angespannten wirtschaftlichen Lage auch mit der Schuldenthematik auseinandersetzen.

Rohstoffexporteure haben Vorteile          

Die Zahl der betroffenen Staaten ist groß: Laut Georgiewa stehen schon ein Drittel der Schwellenländer und zwei Drittel der Entwicklungsländer vor einer Krise. "Wegen der weltweit gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise geraten jetzt vor allem Staaten unter Druck, die nicht über eigene Ressourcen verfügen, die also Rohstoffimporteure sind. Rohstoffexporteure unter den Schwellenländern werden von der aktuellen Preisentwicklung eher gestützt", erläutert Gern.      

So sei die Türkei beispielsweise eines der Schwellenländer, das als Rohstoffimporteur besonders betroffen sei, unterstreicht der Fachmann. "Das Land steuert auf eine schwere Krise zu, auch weil die dortige Geldpolitik mit unangemessen niedrigen Zinsen die Inflation noch befeuert."

Kenia mit Schuldenproblemen

Kenia gehört auch zu den Ländern, die in eine Krise schlittern könnten. Patrick Heinisch, Länderanalyst bei der Helaba, sieht Kenias neuen Präsidenten William Ruto vor einem Schuldenberg. Heinisch zufolge belief sich Kenias Staatsverschuldung im Fiskaljahr 2021/22 auf rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

"Problematisch ist insbesondere der hohe Anteil des Auslandes, das die Hälfte der gesamten Staatsverschuldung ausmacht. Der Kurs des kenianischen Schilling, der im Moment jeden Monat neue Allzeittiefs erreicht, vergrößert das Problem der Schuldentragfähigkeit noch", stellt Heinisch in einer aktuellen Analyse fest. Bereits in den letzten Wochen sei es zu Protesten wegen der hohen Lebenshaltungskosten gekommen.      

Keine Ansteckungsgefahr für globales Finanzsystem

Das Risiko, dass eine Schuldenkrise in Schwellenländern zu einer Bedrohung für das globale Finanzsystem werden kann, schätzt Gern als gering ein: "Soweit ich das sehe, gibt es keine gefährliche Konzentration von ungeschützten Krediten bei wichtigen Finanzinstitutionen und Banken. Deshalb halte ich eine Ansteckung über das globale Finanzsystem für unwahrscheinlich."

Hinzu komme, dass die Finanzsysteme in den Schwellenländern viel solider aufgestellt seien als früher. Selbst in der Türkei scheine das Bankensystem noch stabil zu sein. "Dass finanzielle Probleme in einzelnen Ländern zu einer Welle von Finanzkrisen im gesamten Schwellenländerkosmos führen, wie in der Schuldenkrise in den Jahren 1997/98, ist unwahrscheinlich", führt Gern aus.

Wichtige Märkte für deutsche Wirtschaft

Das bedeutet aber keineswegs, dass dieses Thema für die deutsche Wirtschaft zu vernachlässigen ist. Hierzulande hätten eine Schuldenkrise und die damit zusammenhängende Rezession in Schwellenländern Folgen, denn sie machen mittlerweile fast die Hälfte der Weltproduktion aus. Und für mehr als die Hälfte des globalen Wachstums sind Schwellenländer verantwortlich.

Deshalb warnt Gern: "Für Deutschland als Exportnation sind die Schwellenländer wichtige Märkte geworden. Selbst wenn es nicht zu einer ausgeprägten Schuldenkrise kommt - die durch die derzeitige Verschlechterung der finanziellen Rahmenbedingungen zu erwartende Konjunkturabschwächung in den Schwellenländern wird hierzulande deutlich zu spüren sein."

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin im Ersten am 19. Juni 2022 um 18:00 Uhr.