Ölbohrstelle in Tatarstan, Russland | picture alliance/dpa/TASS

Folgen eines EU-Embargos Wie hart träfe ein Öl-Embargo Russland?

Stand: 04.05.2022 11:22 Uhr

Russlands Staatsetat basiert auch auf Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Daher setzt der Kreml nun auf Abnehmer wie China und Indien. Doch Experten rechnen mit baldigen Folgen für Russlands Ölwirtschaft.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Es war ein düsteres Bild, das die russische Wirtschaftsexpertin Natalja Subarewitsch kürzlich auf einer Veranstaltung der Assoziation der russischen Banken zeichnete. Die Wirtschaftskrise im Land, erklärte sie ganz unverblümt, habe gerade erst begonnen. "Wir befinden uns im freien Fall, haben den Boden noch lange nicht erreicht. Diese Krise wird lang, schwierig und hart."

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Etat wird durch Öleinnahmen gespeist

Die Sanktionen zeigten langsam, aber sicher auch im Industrie- und Logistikbereich Wirkung. Weitere Sanktionen seien auf dem Weg. Auch ohne Öl-Embargo sinke die Nachfrage merklich: "Das Erdöl wird einfach nicht gekauft. Die Tanker liegen fest und werden nicht entladen. Nicht alle natürlich, aber teilweise. Es gibt einen Rückgang", so Subarewitsch. Nun räche sich, so die Expertin, dass der russische Staatshaushalt noch immer im hohen Maße von den Öl-Einnahmen abhänge.

Die Erlöse aus Öl und Gas machten im vergangenen Jahr offiziellen Angaben zufolge knapp 36 Prozent des Etats aus. Der Löwenanteil liegt dabei beim Öl-Geschäft. Nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde exportierte Russland 2021 etwa 230 Millionen Tonnen Rohöl. Hinzu kamen 144 Millionen Tonnen Erdölprodukte. Die Gesamteinnahmen beliefen sich auf 180 Milliarden US-Dollar.

Moskaus Fokus liegt nicht mehr auf dem Westen

Die Hälfte der russischen Ölexporte entfiel bisher auf Europa. Dass hier nun Märkte wegbrechen, nimmt Russlands Präsident Wladimir Putin betont gelassen. "Wir gehen davon aus, dass wir in absehbarer Zeit weniger fossile Energieträger in westliche Richtung liefern werden", räumt er zwar ein. Doch das Augenmerk des Kreml liegt ohnehin anderswo: "Daher ist es wichtig, den Trend der vergangenen Jahre zu festigen und unseren Export Schritt für Schritt auf die stark wachsenden Märkte des Südens und des Ostens auszurichten", so Putin.

Vor allem mit Indien und China will Russland nun verstärkt Geschäfte machen. Der Bedarf sei da. Nicht aber die notwendige Infrastruktur, meint der Energieexperte Michail Krutichin. Die Transportkapazitäten seien schon jetzt am Anschlag: "China hat im vergangenen Jahr 83 Millionen Tonnen Öl bekommen. Und das ist das höchste der Gefühle. Anders kann man das nicht sagen", meint Krutichin. Denn die Ölpipelines zwischen Ostsibirien und dem Pazifischen Ozean arbeiteten bereits am Limit, und auch der Hafen von Kazimo mit dem Abzweig direkt nach China sowie die Ölpipeline Omsk-Pavlodar und weiter durch Kasachstan nach China seien tatsächlich an der Belastungsgrenze.

Spürbare Folgen erst im Herbst erwartet

Der Energieexperte rechnet damit, dass Russland nicht umhin kommt, seine Produktion zu reduzieren und alte, weniger effiziente Ölfelder zu schließen: "Es wird wirtschaftlich keinen Sinn machen, sie wiederherzustellen. Das bedeutet, dass Russland die Hauptquelle, aus dem sich der Staatshaushalt speist, verlieren wird." Wie Subarewitsch rechnet auch Krutichin mit massiven Arbeitsplatzverlusten in der Öl-Branche; mit der Verarmung ganzer Städte, die von der Ölförderung und Bearbeitung abhängen.

Das alles sei ein langsamer Prozess, der jetzt in Gang komme. Spürbar würden die Folgen voraussichtlich im Herbst. Denn der Staat habe vorgesorgt, Reserven angeschafft und profitiere noch vom aktuellen Ölpreis. Und: Die russischen Öllieferungen, so ließ Vize-Premierminister Alexander Nowak mit Verweis auf die OPEC-Länder wissen, seien auf dem Weltmarkt nicht ohne weiteres von jetzt auf gleich zu ersetzen - auch nicht in Europa.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Mai 2022 um 06:46 Uhr.