Gaskraftwerk für die Pipeline "Kraft Sibiriens" | REUTERS

Energieabhängigkeit von Russland Europas offene Flanke

Stand: 07.02.2022 18:32 Uhr

Die diplomatischen Bemühungen, die Krise mit Moskau zu entschärfen, laufen auf Hochtouren. Gleichzeitig sucht Brüssel fieberhaft nach Alternativen zu russischen Gaslieferungen.

Von Jakob Mayr, ARD-Studio Brüssel

Kadri Simson sucht nach Verbündeten, und dafür ist die EU-Energiekommissarin weltweit unterwegs. In Washington berät sie gerade mit der US-Regierung. Am Freitag hat sie in Baku Aserbaidschans Energieminister Parviz Shabahzov getroffen - einen Verbündeten, denn die EU betreibt zusammen mit Aserbaidschan den südlichen Gaskorridor, einen Pipeline-Verbund, um Erdgas vom Kaspischen Meer nach Europa zu transportieren: "Im Fokus stand die Frage, wie wir kurzfristig die Gasversorgung durch den südlichen Korridor erhöhen, um den Ausfall anderer Pipelines auszugleichen."

Jakob Mayr ARD-Studio Brüssel

Erdgaslieferungen als Waffe?

Im Klartext: den Ausfall russischer Lieferungen. Der Staatskonzern Gazprom erfüllt zwar seine Verträge mit der EU, geht aber nicht darüber hinaus. Ein erstaunliches Geschäftsgebaren angesichts gigantischer Nachfrage, sagt Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Sie wirft Moskau vor, Gas als politisches Druckmittel einzusetzen: "Wir sehen es in der Ukraine. Wir haben es in Moldowa gesehen. Wir merken es an den niedrigen Ständen hier bei uns."

In Deutschland liegt der Gas-Füllstand aktuell bei 35 Prozent, viel weniger als in den Vorjahren. 40 Prozent des in der EU verbrauchten Erdgases kommen aus Russland. Etwa 20 EU-Staaten sind nach Kommissionsangaben von russischen Einfuhren abhängig. An zweiter Stelle stehen Gas-Importe aus Norwegen mit 38 Prozent. Der Rest, 20 bis 25 Prozent, ist verflüssigtes Erdgas, LNG, vor allem aus den USA.

Im schlimmsten Fall, wenn Moskau den Gashahn zudreht und die Temperaturen stark fallen, wären Europas Speicher Ende März leer - so eine Studie der Denkfabrik Bruegel. Damit rechnet deren Energieexperte Georg Zachmann aber zunächst nicht: "Solange Russland auf dem bisherigen niedrigen Niveau weiter liefert, sollte das Gas in Europa für diesen Winter reichen. Wenn es nicht zu einer massiven politischen Eskalation kommt, ist das das deutlich wahrscheinlichste Szenario."

Hat die EU ihre Hausaufgaben gemacht?

Manche beruhigen sich mit dem Verweis auf vergangene Jahrzehnte: Sogar in den frostigsten Zeiten des Kalten Krieges hat Moskau den Gas-Fluss nicht gestoppt. Darauf ist nach Ansicht von Bruegel-Experte Zachmann allerdings nicht mehr unbedingt Verlass: "Für Russland verliert der europäische Gasmarkt wegen des geplanten Ausstiegs aus den fossilen Energieträgern an Bedeutung, so dass man sich über die Zukunft der Erdgasverkäufe weniger stark Sorgen macht als vor einigen Jahren."

Spannungen mit Moskau gibt es nicht erst seit dem Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine. Trotzdem hat sich an Europas Abhängigkeit von russischen Energie-Importen in den vergangenen Jahren wenig geändert. Aber Kommissionschefin von der Leyen betont: "Wir haben seit der rechtswidrigen Annexion der Krim 2014 unsere Hausaufgaben gemacht. Damals gab es gerade ein LNG-Terminal, inzwischen gibt es über 20. Und wir haben massiv investiert in erneuerbare Energien."

Hektische Energiediplomatie

LNG, das ist bei niedrigen Temperaturen verflüssigtes Erdgas, das nicht durch Pipelines gepumpt, sondern mit Tankschiffen transportiert wird. Die entsprechenden EU-Anlandeterminals sind nach Kommissionsangaben zu zwei Dritteln ausgelastet, da wäre Luft nach oben. Deshalb die Reise nach Aserbaidschan, deshalb intensive Kontakte mit Ägypten, Algerien und Katar, dem weltgrößten LNG-Produzenten. Die Kommission prüft außerdem, ob sie mit Asien schon vereinbarte Lieferungen nach Europa umleiten kann.

Nach Ansicht von Fachleuten ist allerdings unklar, wie schnell alternative Lieferanten einspringen können - und zu welchen Bedingungen. Bruegel-Experte Zachmann: "Daher lässt sich so kurzfristig ein kompletter Ausfall der russischen Erdgaslieferungen über mehrere Jahre nicht mit alternativen Erdgasquellen ersetzen, sondern geht nur durch eine Reduktion der europäischen Gasnachfrage." Was die EU auf lange Sicht ohnehin vor hat: wegkommen von fossilen Brennstoffen. Für den derzeitigen akuten Engpass beim Erdgas ist das allerdings ein schwacher Trost - und keine Lösung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Februar 2022 um 08:35 Uhr