Dunkler Himmel über dem Kreml und der Basilius-Kathedrale im Zentrum von Moskau. | AFP

Staatsanleihen Russland muss die nächsten Schulden tilgen

Stand: 04.04.2022 18:37 Uhr

Russland muss eine Staatsanleihe von zwei Milliarden Dollar zurückzahlen. Experten spekulieren bereits über einen möglichen Staatsbankrott. Was würde der für das globale Finanzsystem bedeuten?

Von Dorothee Holz, ARD-Börsenstudio

Es ist die größte Schuldentilgung in diesem Jahr: Russland muss heute Fremdwährungsanleihen in Höhe von zwei Milliarden Dollar zurückzahlen. Ein echter Lackmustest. Denn niemand weiß, ob der Kreml die Schulden bedient. Und wenn doch, in welcher Währung - in Dollar oder Rubel?

"Bisher hat es geklappt, die Erwartungen liegen darin, dass es diesmal wieder klappt, aber sicher ist das nicht", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. Die gesamte westliche Finanzwelt stochert in dieser Frage im Nebel, obwohl das Land Mitte März seinen Verpflichtungen nachgekommen ist - und zwar in Dollar. Doch seitdem habe sich einiges geändert, sagt Alexander Libman, Osteuropa-Experte der Freien Universität Berlin: "Seit dem Zeitpunkt ist Russland von den internationalen Agenturen wie Moody's nicht mehr bewertet worden, und die Debatte über einen Erdgas- und Erdöl-Lieferstopp läuft. Dementsprechend kann es sein, dass diese Anreize schon weg sind."

Rubel zählt nicht

Also Anreize, die Schulden zurückzuzahlen - und zwar in Dollar. Rubel zählt nicht, so steht es im Kleingedruckten. Denn das hätte für Investoren beträchtliche Folgen. Eine Rubel-Zahlung wäre Libman zufolge "auf irgendwelchen Konten bei den russischen Banken eingefroren. Aber die Eigentümer der Anleihen haben dann keinen Zugang zu diesen Konten. Rein technisch kann man dann von Default sprechen".

Sprich von einem sogenannten technischen Zahlungsausfall, der aber den gleichen Effekt hat wie eine tatsächliche Staatspleite - die Investoren bekommen kein Geld. Das Risiko sei groß, sagt Deka-Experte Ulrich Kater: "Die Chancen stehen fifty-fifty, dass es doch einen Zahlungsausfall Russlands gibt."

Gestörte Zahlungstransfers

Dabei verfügt Russland dank seines Öl- und Gasgeschäfts über genügend Devisenreserven - auch wenn sie im Zuge der Sanktionen deutlich abgeschmolzen sind. Das Hauptproblem ist aber: Der Zahlungstransfer ist gestört. Die großen Abwicklungszentren der Börsen und die Banken haben das Geschäft mit Russland teilweise oder ganz gestoppt, haben Angst, die Sanktionen zu verletzen. Und die russische Zentralbank kann nicht mehr auf die Devisen zurückgreifen. Das führt aber - anders als bei Unternehmen - nicht automatisch zu einer Staatspleite mit möglicherweise dramatischen Folgen für die Wirtschaft des Landes.

"Russisches Vermögen ist durch diplomatische Immunität geschützt, kann also nicht so einfach eingefroren werden", sagt Osteuropa-Experte Libman. "Und das Wichtigste ist: Russland hätte eigentlich die Schulden tilgen können, hätte es die Sanktionen nicht gegeben. Deswegen ist es nicht ganz, was wir unter Pleite verstehen. Aber es wird langfristig dazu führen, dass es für Russland sehr schwierig sein wird, neue Schulden auf den internationalen Märkten aufzunehmen."

Kein "Lehman-Effekt"?

120 Milliarden Dollar - so hoch schätzt man die Auslandsschulden bei Investoren und bei Banken weltweit. Was passiert in der Bankenwelt, wenn diese zwei Milliarden Dollar und alle nachfolgenden Schulden nicht bedient werden - ein neuer "Lehman-Schock"? Mit solchen massiven Schockwellen für das gesamte Finanzsystem wie nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers werde derzeit nicht gerechnet, so Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. "Wobei man dazusagen muss, dass die Probe aufs Exempel erst dann gemacht wird, wenn tatsächlich Ausfälle zu verzeichnen sind, was Stand heute ja noch nicht der Fall."

Für westliche Banken steht also einiges auf dem Spiel - aber noch viel mehr für Russland. Westliche Investoren hüten sich jetzt schon, weiter Geld in das Land zu pumpen. Bei einem Zahlungsausfall wäre der Ruf endgültig ruiniert. Doch das Wort Staatspleite will niemand in den Mund nehmen, denn noch verkauft Russland Öl und Gas - für wertvolle Devisen.