Getreidespeicher im Hafen von Constanta, Rumänien | picture alliance / abaca

Weizenlieferungen Rumänien ächzt unter Ukraine-Transporten

Stand: 28.05.2022 12:10 Uhr

Rumäniens Grenzübergänge und Häfen sind am Limit: Im Zuge des russischen Angriffskriegs leitet die Ukraine ihr Getreide ins Nachbarland um. Doch dort kommt man kaum hinterher, die gewaltigen Mengen abzufertigen.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Die Mengen sind gewaltig, die Kapazitäten beschränkt: Rumäniens Grenzübergänge kommen angesichts des Umfangs der Getreide-Transporte aus der Ukraine auf dem Land-, Schienen- oder Seeweg an ihr Limit - und weit darüber hinaus. So protestierten etwa am vergangenen Wochenende ukrainische und moldauische Exporteure massiv gegen die sehr langen Wartezeiten am Grenzübergang Giurgiulesti, im Dreiländereck zwischen der Ukraine, Moldau und Rumänien. Mitunter fünf bis sieben Tage würden dort die LKW warten, bis sie abgefertigt würden.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Augustin Hagiu, der Präsident des Verbandes rumänischer Frachtunternehmer, machte vor wenigen Tagen seinem Ärger im TV-Sender B1 Luft: Dort sollte "das Arbeitsprogramm für die Mitarbeiter verlängert werden." Er würde ein 24-Stunden-Arbeitsprogramm einsetzen. Denn wenn man spät ankomme, müsse man bis zum Morgen warten. "Und die Warteschlange kann je nach Fall vier, fünf oder manchmal sogar sechs bis sieben Tage dauern."

LKW-Verkehr stieg um 400 Prozent

Inzwischen signalisiert die Grenzpolizei teilweise Entwarnung. Die Wartezeiten seien auf eine Stunde verringert worden. Es ist kein Wunder, dass die Grenzübergänge Rumäniens für Waren seit dem russischen Angriffskrieg überlastet sind. So stieg etwa allein in Giurgiulesti der LKW-Verkehr um knapp 400 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Kein anderer rumänischer Zollübergang wird so intensiv genutzt wie dieser.

Die Zeit drängt. Bis zu 25 Millionen Tonnen Getreide lagern nach Angaben der Vereinten Nationen derzeit noch in den ukrainischen Silos. In sechs Wochen, wenn die Erntezeit beginnt, werden weitere 40 Millionen Tonnen Getreide hinzukommen. Vor dem kleinen Hafen von Sulina, der einzigen Stadt im rumänischen Teil des Donaudeltas an der Mündung zum Schwarzen Meer, warten mittlerweile mehr als 100 Schiffe mit ukrainischen Getreideladungen darauf, in den Sulinakanal einzufahren.

Karte: Rumänien, Moldau und die Ukraine sowie die Städte Giurgulesti und Sulina

Donnerstag dieser Woche trafen deshalb ukrainische, moldauische und rumänische Behördenvertreter zu einer Krisensitzung zusammen. Denn bislang war dieser lange vernachlässigte, kleine Hafen auf die Abfertigung von drei bis vier Schiffen pro Tag eingerichtet. Die benachbarten kleinen ukrainischen Donau-Häfen Reni und Ismail sind nach Behördenangaben voll mit Schiffen und Lastkähnen. Hauptumschlagshafen ist allerdings Constanta, der größte Hafen Rumäniens.

200 Millionen Euro für Schienen

Doch die Schienenanbindung der Hafenanlagen ist unterentwickelt. So gibt es nach Worten von Transportminister Sorin Grindeanu fast 100 Eisenbahngleise, die seit Jahrzehnten nicht genutzt wurden. Zudem seien dort auch 700 verlassene Güterwaggons abgestellt worden, von denen die Hälfte inzwischen abtransportiert worden sei. "Die übrigen Waggons können nicht weggefahren werden, weil sie stark verfallen und bewachsen sind", so der Minister wörtlich.

Für 200 Millionen Euro soll nun in die Verbesserung der Schienen-Infrastruktur investiert werden, kündigte er an. Denn in den kommenden Wochen und Monaten werde es wichtig sein, "wie wir unsere Hafenkapazitäten entwickeln können. Und zwar nicht nur für Rumänien." Das sieht Marian Jean Marinescu, rumänisches Mitglied des Europa-Parlaments, genauso.

Das Frachtvolumen, das aus der Ukraine komme, sei sehr groß. "Es gibt noch nicht genügend Kapazitäten, um eine so große Menge an Fracht auf die Schiffe umzuladen." Das stimmt: Denn über den Hafen Constanta habe die Ukraine bis Mitte Mai nur 240.000 Tonnen Getreide weitertransportieren können, wie der Hafenmanager Florin Goidea der Nachrichtenagentur Reuters sagte. Das entspricht einem Prozent der Getreidemenge, die derzeit noch in der Ukraine auf den Export wartet.

Rumänien in Schlüsselposition

Die rumänische EU-Verkehrskommissarin Adina Valean plädiert daher für sogenannte "Solidaritätskorridore" - also neue Transportwege, effizientere Zollkontrollen und deutlich mehr Fahrzeuge: Das sei eine große Herausforderung für die Europäische Union und für die Länder in der Nachbarschaft der Ukraine, sagte sie. Rumänien sei aufgrund seiner geografischen Lage und seiner Kapazitäten einer der wichtigsten Akteure bei der Neugestaltung der Logistikketten.

"Der Hafen von Constanta ist jetzt das Tor für ukrainische Getreideexporte zu den südlichen Märkten in Nordafrika und dem Nahen Osten", sagte Valean Auf ihrem Gipfel Anfang nächster Woche in Brüssel wollen sich die EU-Staats-und Regierungschefs auch mit diesem Thema befassen: Wie die Ausfuhr des ukrainischen Getreides aufrechterhalten und unterstützt werden kann.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Mai 2022 um 06:17 Uhr.