Kohlestücke in einem russischen Tagebau | REUTERS

Problem im nächsten Winter Wenn in Polen die billige Kohle fehlt

Stand: 19.07.2022 13:58 Uhr

Ab Herbst könnte Polen rechnerisch seinen Gasbedarf ohne Direktbezug von russischem Gas decken. Lücken gibt es aber bei der Versorgung mit Kohle, die in vielen Altbauten die Öfen beheizt.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

"Ekogroszek" - Ökoerbse: So heißt in Polen die beliebte Billigkohle beim Händler um die Ecke. Erbse heißt sie deswegen, weil es sich um eher kleine Kohlereststückchen handelt, schwefelarm und daher umweltfreundlich, wie Verkäufer behaupten. Polnische Umweltschützer kämpfen seit Jahren erfolglos gegen den Namensvorsatz "Öko" an.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Bange Frage nach dem nächsten Winter

Zwei Millionen Haushalte in Polen heizen bis heute mit Kohleöfen, rechnet Energieexperte Daniel Czyzewski vor. Und: In dreiviertel dieser Öfen brenne russische Kohle - beziehungsweise sie brannte dort. Denn: "Plötzlich verschwinden vom Markt circa acht Millionen Tonnen Kohle", so Czyzewski im Sender TVN. Grund ist der Importstopp für Kohle aus Russland, den die polnische Regierung verhängte, noch bevor er EU-weit verbindlich wurde im Rahmen der Russland-Sanktionen.

Seither stellt sich vielen Menschen mit Öfen die bange Frage: Was wird im Winter? Nicht alle griffen bereits im Frühsommer zu wie dieser Internet-Kreative aus Oberschlesien, der seinen am Ende erfolgreichen Kohlekauf im Web hochlud. Er hatte zuvor - offenbar erfolglos - mehrere örtliche Kohlehändler angerufen, und wurde dann aber im Internet fündig. "Ich hätte nie gedacht, dass fünf Tonnen Kohle so viel Glück bringen können. In meiner Kindheit brachte der Weihnachtsmann den unartigen Kindern Kohle - würde er mir heute welche bringen, würde ich das als Auszeichnung und nicht als Strafe empfinden", sagte er.

Wenn der Mann wirklich aus Tychy in Oberschlesien kommt, wie er angibt, dann sitzt er eigentlich auf viel Kohle, die noch für 200 Jahre reichen werde, wie Staatspräsident Andrzej Duda mit Blick auf die heimischen Vorkommen einmal sagte. Doch die guten Lagen sind längst ausgebeutet, viele Gruben wurden wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit geschlossen. Und die Steinkohle, die noch gefördert wird, brauchen die polnischen Kohlemeiler zur Stromproduktion.

Angeordneter Höchstpreis könnte ins Leere laufen

Alternativen zu russischen Kohleimporten aufzutun aber sei nicht so leicht, erklärt Energieexperte Czyzewski. "Es gibt einige Top-Kohlelieferanten, aber die sind ziemlich weit weg: Australien, Indonesien, USA, Südafrika", sagt er. "Es gibt europäische Häfen, aber die Großhandelspreise dort nähern sich 2000 Zloty pro Tonne, hinzu kommen noch Transport- und Vertriebskosten."

Und genau hier liegt das Problem. Denn die Regierung hatte die Ofenwohnungen durchaus im Auge; also verfügte sie per Gesetz einen Höchstpreis für Kohle, den Endverbraucher zahlen sollen: knapp 1000 Zloty, limitiert auf drei Tonnen je Haushalt. Den Händlern versprach sie eine Subvention von nochmal 1000 Zloty, wenn sie mitmachen. Nur sind die Einkaufspreise schon jetzt derart gestiegen, dass Händler Verlust machen würden, nähmen sie teil. Und weil viele Kunden abwarten, was passiert, werden bald viele zugleich Kohle kaufen müssen: hohe Nachfrage träfe dann auf dürftiges Angebot.

"Polen hat sich nicht genügend auf die Situation vorbereitet. Die Regierung hat das verschlafen und versucht es nun mit Havarielösungen", sagt Czyzewski. So sollte noch am Montag das Subventionsprogramm nachjustiert werden, heißt es in Warschau, wo man inzwischen selbst Engpässe einräumt. Auch wurden die staatlichen Energieriesen angewiesen, große Mengen Kohle zu erwerben und günstig weiterzugeben. Was am Ende aber auch irgendjemand bezahlen muss. Und: Experten zweifeln, ob in den paar Monaten bis zur Heizsaison überhaupt noch genügend Kohle beschafft werden kann.