Zwei Angestellte arbeiten in Polen an Solarpanels. | AFP

Arbeitsmarkt Job-Boom in Polen trotz Corona-Krise

Stand: 09.08.2021 13:03 Uhr

Niedrige Arbeitslosigkeit, Hunderttausende offene Stellen - Jahre des Aufschwungs haben in Polen für viele neue Jobs gesorgt. Corona hat am Boom wenig geändert. Dafür fehlen zunehmend Fachkräfte.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Der langjährige Wirtschaftsboom in Polen hat die Lage am Arbeitsmarkt umgedreht: Aus einem Land mit einer der höchsten Arbeitslosenquoten Europas wurde eines mit einer der niedrigsten: Sie liegt je nach Zählweise bei drei bis vier Prozent. Daran hat die Pandemie wenig geändert, auch wenn viele Menschen durch den Lockdown ihre Arbeit verloren. Die meisten kamen anderswo unter, machten sich selbständig - und allein im Juni waren schon wieder 300.000 offene Stellen ausgewiesen, zählt Anna Wicha vom polnischen Verband der Arbeitsagenturen.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

"Die polnischen Arbeitgeber haben keine Angst und schauen optimistisch in die Zukunft", sagt Wicha. "Es fehlen schon jetzt überall zupackende Hände; in Posen, Danzig, Warschau, Krakau und Breslau gibt es jetzt doppelt so viele Stellenangebote wie 2019. Die Großstädte sind das Nachfrage-Zugpferd."

Viele tauchen in der Statistik nicht auf

Dass trotzdem einige hunderttausend Polen arbeitslos gemeldet sind, liegt oft an mangelnder Qualifikation. Freilich ist die Arbeitslosenzahl nicht gut vergleichbar: In einem Land mit eher dürftiger Arbeitslosenunterstützung melden sich viele gar nicht erst arbeitssuchend. Wer seinen Job verliert, kommt in der Familie unter, geht ins Ausland, schlägt sich irgendwie durch - und taucht nicht auf in der Statistik.

Aussagekräftiger ist daher die Beschäftigungsquote, also die Zahl derer, die laut Statistik arbeiten könnten und es tatsächlich tun. Hier hatte Polen lange vergleichsweise schwache Werte, ist aber nun ins europäische Mittelfeld aufgestiegen, deutlich mehr als zwei Drittel der arbeitsfähigen Polen sind demnach erwerbstätig.

Damit dürfte ein Problem näher rücken, vor dem Fachleute schon lange warnen: ein Fachkräftemangel, der irgendwann den Boom ausbremsen könnte. Rein demografisch ist Polen wegen der Massenauswanderung gerade jüngerer Menschen nach dem EU-Beitritt und geringer Geburtenraten auf dem Weg, zur strukturell ältesten Nation in Europa zu werden, wie ein Ökonom jetzt warnte.

Oft wenig soziale Absicherung

Überdeckt wird das derzeit noch durch hunderttausende ukrainische Gastarbeiter, die in der Regel aber nur vorübergehende Arbeitsgenehmigungen haben. "Um die demografische Lücke zu füllen, bräuchten wir mindestens 100.000 Menschen, die in unser Land kommen, und zwar jährlich bis 2050", sagt Sonia Buchholz von der privaten Wirtschaftshochschule SGH. "Das ist politisch und sozial nicht machbar. Deshalb sollten wir uns wenigstens bemühen, das Potential der vorhandenen Wirtschaftsmigranten zu nutzen, von denen mehr als jeder zweite deutlich unter seinen Möglichkeiten eingesetzt wird."

Insgesamt aber ist der polnische Arbeitsmarkt Stand heute eine Erfolgsgeschichte, auch was die Corona-Folgen betrifft, die unter anderem durch Finanzhilfen für besonders betroffene Firmen abgefedert wurden. Einen Schönheitsfehler aber gibt es: Die Jüngeren finden sich oft in scheinselbstständigen Arbeitsverhältnissen ohne soziale Absicherung wieder, im Volksmund "Müllverträge" genannt. Dabei sei Polen bei Menschen bis 34 sogar traurige Europa-Spitze, sagt Justyna Pokojska, Arbeitsmarktexpertin an der Warschauer Universität.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. August 2021 um 11:41 Uhr.