Ein Cosco-Frachtschiff fährt in den Hafen von Piräus ein. | picture alliance / Xinhua News A

Streit über Hafen-Übernahme Cosco in Piräus - eine Erfolgsgeschichte?

Stand: 25.10.2022 15:00 Uhr

Vor sechs Jahren wurde Cosco Mehrheitseigner des Hafens von Piräus. Zwar gibt es Kritik an den Arbeitsbedingungen - doch dass China kritische Infrastruktur kontrolliert, stört in Griechenland kaum mehr jemanden.

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen

Sechs Jahre ist es her, dass die Firma China Ocean Shipping Company, kurz Cosco, 51 Prozent des griechischen Hafens von Piräus übernommen hat. Damals, 2016, steckte Griechenland immer noch tief in der Finanzkrise und war gezwungen, wichtige Infrastruktur zu privatisieren.

Verena Schälter ARD-Studio Rom

"Die Investitionen von Cosco in den Hafen von Piräus sind ein Beispiel dafür, wie ein bedeutendes chinesisches Unternehmen mutig genug war, in ein wichtiges Infrastrukturprojekt zu investieren, zu einer Zeit, als Griechenland als nicht investitionsfähig galt", sagte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis im Jahr 2019.

Doch es wäre falsch zu glauben, China habe erst durch die Finanzkrise Interesse an Griechenland entwickelt, sagt Wirtschaftswissenschaftler Jens Bastian, der seit fast 25 Jahren in Athen lebt und arbeitet. "Cosco hat den ersten Schritt in den Hafen von Piräus 2009 gemacht. Damals hat es ein Containerterminal im Hafen geleast, über 30 Jahre. Das war ein erster Hinweis darauf, dass sich China für Hafeninfrastruktur in Griechenland interessiert."

Das zentrale Bürogebäude von Piräus, beflaggt mit Fahnen der EU, Griechenlands und der Volksrepublik China. | picture alliance / NurPhoto

Chinas Staatskonzern Cosco begann in Piräus zu investieren, als den Hafen niemad haben wollte. Bild: picture alliance / NurPhoto

Kritik an Coscos Arbeitsweise

Zu diesem Zeitpunkt hatte China nicht viel Konkurrenz um Piräus: Der Hafen war nur schwach ausgebaut, galt als nicht besonders kundenfreundlich. Mittlerweile hat Cosco seine Anteile auf 67 Prozent aufgestockt und es hat sich einiges geändert.

"Das ist heute ein hochmoderner, ausgebauter Hafen. Es ist der siebtgrößte in Europa", sagt Wirtschaftswissenschaftler Bastian. "Es ist mittlerweile der größte im östlichen Mittelmeer und es ist ein Hafen, der Arbeitsplätze nicht nur gesichert hat, sondern auch neue geschaffen hat."

Doch es gibt auch Schattenseiten: Vor einem Jahr verunglückte ein Hafenarbeiter an einer Containerpier tödlich. Bereits zuvor beschwerten sich Beschäftigte und Gewerkschaften immer wieder über die teils prekären Arbeitsbedingungen. Außerdem werfen lokale Behörden und Umweltorganisationen Cosco vor, sich nicht an Auflagen zu halten und die Meeresumwelt zu schädigen.

Piräus - eine Erfolgsgeschichte?

Debatten über den wachsenden chinesischen Einfluss auf kritische Infrastruktur, wie es sie aktuell in Deutschland gibt, finden hingegen kaum statt. Während in Europa jeder Nationalstaat zunächst seine eigenen Interessen im Blick behält, verfolgt China vor allem langfristige globale Strategien. Der Mittelmeerraum sei dafür ein gutes Beispiel, merkt Bastian an. Man könne dort lernen, wie Cosco und andere chinesische Unternehmen sich "schrittweise ein Portfolio an Häfen aufgebaut und zusammengekauft" hätten: "Cosco ist auch in Ägypten, in der Türkei involviert, andere chinesische Unternehmen in Israel, in Italien."

Selbst innerhalb Deutschlands könnte bald so ein Netz entstehen, denn der Einstieg von Cosco am Hamburger Hafen wäre nicht die erste Investition aus Fernost innerhalb der Bundesrepublik: Die Firma China Logistics hat sich bereits in Wilhelmshaven und in Duisburg in die Häfen eingekauft.

Doch mehr noch als die wachsende Abhängigkeit von China bereitet Ökonom Bastian die Einseitigkeit dieser Deals Sorge: "Gibt es ein deutsches, ein griechisches, ein belgisches Unternehmen, das ein Anteilseigner in einem chinesischen Hafen darstellt? Nein, null", sagt er. "Das heißt, wir haben hier eine Einseitigkeit des Vorgehens, das ich wirklich für krass halte."

In Griechenland spielen solche Bedenken keine Rolle. Dort gilt die Übernahme des Hafens von Piräus vor allem als Erfolgsgeschichte: Im vergangenen Jahr haben die Betreiber den höchsten Umsatz in der Geschichte des Hafens erwirtschaftet.