Bitcoin-Schürfer Antonio Silva aus Paraguay |

Wie die Kryptowährung entsteht Der Bitcoin-König von Paraguay

Stand: 09.12.2020 19:27 Uhr

Bitcoins entstehen in großen Rechenzentren, die riesige Mengen Strom verbrauchen - oft in Ländern, wo dieser besonders billig ist. Zum Beispiel in eigenen "Schürf-Fabriken" in Paraguay.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

In einem alten Sägewerk im Osten von Paraguay herrscht ein Höllenlärm, dabei steht es seit Jahren still: Heute sind es Rechner, insgesamt 600 Stück, die rund um die Uhr um die Wette rattern, dazu heiße Luft ausblasen, wie ein Föhn auf höchster Stufe. Riesige Kühl-Ventilatoren kämpfen dagegen an, dass die Maschinen in der tropischen Hitze Südamerikas nicht durchbrennen. Hier wird geschürft - und zwar im Netz.

Anne Herrberg ARD-Studio Buenos Aires

"Heute gibt es praktisch nur noch solche Hightech-Computer, die ausschließlich Bitcoins schürfen", sagt Antonio Li. "Das zu Hause mit seinem PC zu versuchen, ergibt keinen Sinn."

Den Schatz, den er hier schürft, kann man nicht anfassen, er ist rein virtuell. Li erschafft Kryptowährungen, wie Bitcoin. Diese entstehen, indem Nutzer in aller Welt ihre Rechner zu einem Netzwerk zusammenschließen. Jede Sekunde werden Billionen enorm komplexer Rechenaufgaben gelöst, um Daten zu verschlüsseln und zu sichern. Dafür erhalten sie digitale Münzen. Li schürft für sich selbst, stellt aber auch für seine Kunden Rechner auf.

"Ich mache hier sozusagen die Drecksarbeit, die die Leute nicht machen wollen, denn die Maschinen produzieren jede Menge Hitze und Lärm", sagt Li. Man könne es mit einem Hühnerstall vergleichen. "Wenn du Hühner züchten willst, okay. Ich kümmere mich um den Stall."

Strom aus Wasserkraft

Dass dieser Stall in Paraguay steht, hat einen Grund: Die Hightech-Computer fressen Unmengen Strom - und der ist in dem südamerikanischen Land so billig wie kaum irgendwo sonst. Dank Itaipú, dem drittgrößten Wasserkraftwerk der Welt. Dessen 20 Turbinen liefern weit mehr Strom, als das landwirtschaftlich geprägte Paraguay mit seinen acht Millionen Einwohnern selbst verbraucht. Etwas über drei Cent kostet eine Kilowattstunde - zehnmal weniger als in Deutschland. Dazu kommt: Die Hochleistungsrechner dürfen fast zollfrei importiert werden. 

"Wie Gold, nur besser" steht auf der Eingangstür des Büros von Antonio Silva in Ciudad del Este. Paraguays zweitgrößte Stadt ist bekannt als Drehkreuz für Schmuggler und Fälscher und sonstige halbseidene Geschäfte. Heute ist sie das Epizentrum des Krypto-Schürfer-Booms - der seine Schattenseiten hat, denn zunehmend setzen Kriminelle Bitcoins für Geldwäsche oder andere illegale Geschäfte ein. Antonio Silva, ein Mann mit Kinnbärtchen, Goldkettchen und Baseball-Cap, sagt, er verkaufe Vertrauen und Transparenz. Eine Regulierung seiner Branche gibt es in Paraguay bisher nicht.

"Es ist eine Grauzone", sagt Silva. "Die Regierung sagt weder, dass es erlaubt ist, noch dass es nicht erlaubt ist." Aber alles sei registriert. "Der Staat weiß, welche Rechner wir importieren, wir zahlen Zoll und als IT-Unternehmen auch Steuern. Und so lange wir das tun, mischt sich der Staat nicht ein."

Pro Tag 10 Bitcoins

Silva ist geboren in der Favela, Vater von 16 Kindern, mehrmals bankrott gegangen. Heute gehört ihm die größte "Schürf-Fabrik" in Lateinamerika, die pro Tag 10 Bitcoins - derzeit umgerechnet etwa 150.000 Euro - produziert. Antonio Silva ist ein Selfmade-Man, und er will mehr. Er hat eine eigene Internet-Währung geschaffen, ein Treuepunktsystem und ein Fintech in Deutschland registriert, um - nach europäischem Recht - Kryptowerte für Dritte zu verwahren. Dazu stehe man in Verhandlungen mit zwei deutschen Banken. Durch die Pandemie habe sich der Deal allerdings verzögert. El Rei nennen sie ihn in Ciudad del Este, den König.

Eine einzige Erfolgsgeschichte? Nur fast. "Im Jahr 2015 hat mir jemand 250 Bitcoins angeboten - für 25.000 Euro", sagt Silva. "Ich habe damals nicht an diesen virtuellen Quatsch geglaubt und nein gesagt. Heute wären die fast zwei Millionen Euro wert. Das ärgert mich bis heute."

Auch der Kurs des Internet-Geldes hängt ab vom Vertrauen, das die Menschen in die Währung stecken. Garantien gibt es dafür bis heute keine. Auch nicht für El Rei, den Krypto-König von Paraguay.

Über dieses Thema berichtete die ARD im Weltspiegel am 01. März 2020 um 19:20 Uhr.